Aus "Es weihnachtet TROTZDEM sehr" von Thomas Klappstein (Foto: JEAN PETER FELLER)
Anzeige

Duisburg/Mülheim. Der Bericht von Jesu Geburt aus der Sicht eines beteiligten Hirten, frei nach Lukas 2,8-20 (Neues Testament / Die Bibel)

Guten Morgen Herr Wirt. Einen großen Pott heißen Kaffee bitte, wenig Milch und keinen Zucker. Ich muss mich erst einmal aufwärmen. War kalt heute Nacht.

Wie bitte? Ne, ne, ich bin nicht gereist. Ich wohne hier schon lange. Aber da ich ständig in der Nachtschicht arbeite, bekommt man mich tagsüber kaum zu Gesicht. Normalerweise gehe ich auch gleich nach Schichtende schlafen. Aber heute bin ich einfach zu aufgedreht, da muss ich erstmal unter Menschen. Schön, dass Sie Ihr Café schon so früh geöffnet haben.

Ah, der Kaffee ist fertig. Mmh, duftet gut – und schmeckt! Schön stark – genau das Richtige!

Wissen Sie, heute Nacht ist da echt ein Knaller passiert. Tut mir leid, wenn ich Sie mit meinem Redeschwall jetzt einfach so überfalle. Aber was da passiert ist, das kann ich wirklich nicht für mich behalten. Sie werden sich bestimmt wundern über das, was ich Ihnen zu erzählen habe. Aber es ist hundertprozentig passiert. Ich habe das jetzt schon einigen Leuten erzählt, die mir auf dem Weg hierher begegnet sind. Einige haben bestimmt gedacht, ich hätte die Nacht in einer Kneipe durchgemacht und Halluzinationen gehabt. Aber dem ist nicht so.

Wissen Sie, ich arbeite als Hirte im judäischen Hirtenverband. Eigentlich nur in der Nachtschicht, wie ich ja schon sagte. Mit den Nachttarifen kommt man dabei doch auf ein wesentlich höheres Einkommen. Na ja, und so war ich natürlich auch letzte Nacht unterwegs. Mit drei Kollegen übernahmen wir gestern eine Herde bei den Hürden. Sie wissen doch, das Feld kurz vor den Toren der Stadt. Eigentlich sollte ich zusammen mit einer anderen Crew eine Herde in den Bergen bewachen, aber dann hat der Chef mich doch noch kurzfristig zur Hürdenschicht eingeteilt. Da war einer krank geworden. Auf jeden Fall hatte ich so ein einmaliges Erlebnis.

Wie bitte? Ach so, ja klar, Sie dürfen mir gerne noch Kaffee nachschenken … wo war ich stehengeblieben? Richtig, beim einmaligen Erlebnis. Ich saß mit meinen Kollegen um unser wärmendes Feuer, das wir nachts gerne entzünden, wenn wir unsere Runden gedreht haben. Die Herde war ruhig, die meisten Tiere schliefen, und auch wir dösten so vor uns hin. Es war mitten in der Nacht, um die Zeit, wenn man seinen Tiefpunkt hat und damit kämpft, nicht einzuschlafen.

Auf einmal ist da ein klares helles Licht. Zuerst dachte ich, ich träume. Aber als ich hochschaute sah ich, dass auch meine Kollegen ganz verschreckt und irritiert in die Runde blickten.

Wie bitte? Nein, nein, das war kein Nordlicht oder irgendeine Himmelserscheinung. Das Licht war ja nur um uns herum. Der Himmel war ganz normal dunkel und mit Sternen übersät. Um uns herum war das Licht. Und auf einmal zerreißt eine Stimme unsere gespannte Stille: FÜRCHTET EUCH NICHT! Wir zuckten zusammen, und dann ertönte noch einmal diese Stimme: FÜRCHTET EUCH NICHT!

Als ich dann in die Richtung schaute aus der die Stimme kam, sehe ich tatsächlich jemanden dort stehen. Groß und kräftig. Das Licht schien von ihm auszugehen. Wir kamen uns richtig erbärmlich vor in seiner Gegenwart. Warum, kann ich eigentlich auch nicht genau sagen. Irgendwie war mir auf einmal meine ganze Unzulänglichkeit bewusst. Vielleicht lag es daran, dass es sich bei der Lichtgestalt, wie sich sehr schnell herausstellte, um einen Boten Gottes, also um einen Engel, handelte.

Wie bitte ? Nein, wirklich Herr Wirt, das war echt einer. Ich sagte ja, dass sie sich sehr über das wundern werden, was ich ihnen erzähle …

Also, da stand wirklich ein Engel. Die hatte ich mir in meiner Fantasie zwar immer etwas anders vorgestellt, aber dieser war absolut echt. Ich hatte immer so kleine, süße, pausbäckige und blondgelockte knabenähnliches Wesen vor Augen. Aber dieser war eher so´n Schimanski-Typ, nicht so schmuddelig, aber so von der Statur her. Eine echte Kante. Schon ein bisschen zum Fürchten. Eigentlich sogar ein bisschen mehr zum Fürchten.

Und so ein Engel kam ausgerechnet zu uns Hirten. Auf einmal hob er wieder an, etwas zu sagen. Und dann erklang noch einmal dieses „FÜRCHTET EUCH NICHT!“

Wie gesagt, nicht so ganz einfach, sich nicht zu fürchten, wenn man ihm das erste Mal begegnet.

Aber diesmal sprach er weiter: „Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“

Wir, also meine Kollegen und ich, stießen uns gegenseitig an. Sprechen konnten wir nicht. Dafür war der erste Schreck zu groß. Aber jeder wusste, was der andere sagen wollte: Mensch, der hat eine Botschaft für uns. Und als Engel, als Bote Gottes, muss das eine Botschaft von diesem Gott sein. Der will uns etwas mitteilen. Uns ganz normalen Leuten. Keinem König oder Propheten. Denen wohl auch. Aber in diesem Fall waren wir ganz persönlich gemeint. Sicherlich galt die Botschaft nicht nur uns. Sonst hätte der Engel ja nicht gesagt, dass die Freude allem Volk widerfahren wird. Aber zunächst mal meinte er uns persönlich. Ehrlich, er sagte wortwörtlich: „Siehe ich verkündige EUCH große Freude.“ Und dann kam das eigenlich Sensationelle: „Denn Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Haben Sie das verstanden? Der Christus, von dem in den Synagogenvorlesungen bei uns so oft die Rede ist, von dem Gott so oft in den Jesaja-Schriftrollen berichten lässt und die in den Synagogen gelesen werden, der war geboren. Und dann noch in der Stadt Davids, in Bethlehem, in unserer Stadt also. Hier! Letzte Nacht!

Was? Wieso soll ich mich beruhigen? Gott hat endlich sein Versprechen wahrgemacht. Er hat uns seinen Sohn gesandt. Den Messias, den Retter der Welt. Mann, hier beginnt ´ne neue Zeitrechnung. Ich will mich gar nicht beruhigen. Aber ja, ja, okay, ich kann auch etwas leiser sprechen.

Toll war auf jeden Fall, das uns der Engel noch eine genaue Beschreibung gab, wo wir diesen Christus finden sollten. Natürlich wollten wir sofort losmarschieren und nachsehen. Aber vorher mussten wir uns noch ein Konzert anhören. Auf einmal war der Engel nicht mehr alleine. Neben ihm stand plötzlich eine Riesenmenge von diesen Himmelswesen. Ich weiß, dass das unglaublich klingt. Aber auch, wenn ich mich jetzt hier wiederhole, ich sagte Ihnen ja von vornherein, dass Sie sich wahrscheinlich sehr wundern werden über das, was ich Ihnen berichte. Also, da stand wirklich eine Riesenmenge. So eine Art Gospelchor. Man müsste wohl eher sagen Himmelschor. In einer Art Sprechgesang, fast rapmäßig, lobten sie Gott mit den Worten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“

Als sie fertig waren verschwanden sie genauso plötzlich, wie sie gekommen waren. Und es wurde auf einmal wieder dunkel und still um uns herum. Aber in mir, da war es taghell. Ich glaube, so wach war ich noch nie in meinem Leben. Meinen Kollegen ging es genauso. Zuerst redeten wir ganz aufgeregt durcheinander. Bis dann unser Schichtleiter vorschlug, nach Bethlehem in die Stadt zu gehen und nachzusehen, ob das wirklich passiert ist, was Gott uns durch die Engel hatte mitteilen lassen. Die Tiere würden schon eine Weile ohne uns auskommen. Außerdem gab es ja noch die Hunde, die beim Aufpassen halfen.

So sind wir losmarschiert. Wir brauchten gar nicht lange zu suchen. Schon nach kurzer Zeit hörten wir Babygeschrei. Und in dem Stall einer Herberge, hier ganz in der Nähe, lag das Kind in Windeln gewickelt, in einer Krippe. Genauso, wie der Engel es gesagt hatte. Maria, die Mutter, und Josef, ihr Mann, saßen daneben auf einem Strohballen, völlig erschöpft, aber glücklich. Maria lag allerdings mehr, als das sie saß. Na ja, wie das halt so ist nach einer Geburt.

Da lag nun dieser Christus genau vor uns. Hier, mitten in Bethlehem. Ich musste an die Worte denken, die in der Schriftrolle des Propheten Micha stehen, und die ja auch manchmal in der Synagoge gelesen werden: „Aus Bethlehem soll kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“

Und ich wusste genau, der ist für mich geboren. Für mich normalen Menschen. Ganz persönlich. Genau erklären kann ich das gar nicht. Und ob ich es jemals bis ins Detail kapieren werde, weiß ich auch noch nicht. Aber wenn dieser Christus schon jetzt als kleines Baby mein Leben anfängt, auf den Kopf zu stellen, dann bin ich gespannt darauf, was er in meinem Leben bewerkstelligt, wenn er erst einmal erwachsen ist. Das mich eine Begegnung so verändern kann, hätte ich bisher nicht für möglich gehalten. Aber es ist tatsächlich passiert.

Wie bitte? Ne, ne, nein danke, Herr Wirt, jetzt möchte ich keinen Kaffee mehr. Ich will jetzt nach Hause. Meiner Familie von meinen Erlebnissen erzählen. Ihnen kann ich nur einen Tipp geben. Schließen Sie Ihren Laden kurz zu und schauen Sie sich diesen Christus an. Nehmen sie sich Zeit für diese Begegnung. Er ist gar nicht weit weg von Ihnen. Ganz in Ihrer Nähe.

 

Autor: © Thomas Klappstein


Veröffentlicht in:

Thomas Klappstein
Es weihnachtet TROTZDEM sehr

12 Geschichten, Texte und Impulse für eine besondere Zeit des Jahres
BoD Verlag, Norderstedt 2020
Paperback, 110 Seiten

Preis: € 9,99 (als E-Book € 4,99 / als Sonderaktion kurze Zeit noch für € 0,99)
ISBN 978-3-7526-6104-0

 


Infos zum Autor:

Thomas Klappstein ist geboren und aufgewachsen im Großraum Hamburg (Ahrensburg/Großhansdorf). Freiberuflich aktiv als Autor, Presse- u. Öffentlichkeitsarbeiter, Redner u. a. auf Hochzeiten (Kontakt über die Internet-Plattformen ‘Zeremonienleiter/Thomas Klappstein’ oder ‘Rent-A-Pastor/Thomas Klappstein’) und Trauerfeiern, Prediger.

Bisher über 15 Bücher als Autor und Herausgeber in diversen Verlagen. U. a. von 2012 bis 2018 die 7bändige Reihe ‘Weihnachtswundernacht’ im Brendow Verlag, mit neuen Kurzgeschichten. Darüber hinaus Beiträge in diversen anderen Büchern und Publikationen (u. a. bei Rowohlt). Jahrelange redaktionelle Mitarbeit in diversen Zeitschriftenredaktionen. Gestaltet regelmäßige Rundfunkbeiträge für die hessische Medienanstalt ERF.

Er ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann (Ausbildung in Hamburg), studierter Theologe (Studium in Fritzlar), studierter Diplom-Verwaltungswirt (Fachhochschule für Öffentlich Verwaltung Schwenckestraße in Hamburg). Als solcher früher u. a. Betreuung politischer Bezirksausschüsse im Bezirksamt Hamburg-Nord.

 

Ordinierter Pastor im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden (MVFEG). Für diesen Delegierter in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Nordrhein-Westfalen (ACK-NRW). Früher hauptamtliche Gemeindearbeit als Pastor evangelischer Freikirchen im Ruhrgebiet. In Marl und Duisburg. Medienarbeit (PR & ÖFA) u. a. für den MVFEG und dessen MaiVestival, das von ihm auch inhaltlich mitentwickelt wurde.

Leitete 12 Jahre die ‘Follow The Son/Sun’ Junge-Erwachsenen-Freizeiten in Calvi auf Corsica. Gestaltung von Segelfreizeiten des CVJM für Jungen aus sozial-problematischem Umfeld.

Er lebt mit Ehefrau Claudia, Sängerin, Musikerin und Lehrerin, im Duisburger Süden, nahe der Sechs-Seen-Platte. Zwei erwachsene Kinder (Tochter u. Sohn).

Mit seiner Ehefrau Claudia ist Thomas Klappstein seit 2012 zum Jahresende, jeweils ab Mitte November, regelmäßig zu ‘Adventlichen Kunstpausen – Lesungen & musikalische Atempausen zur Weihnachtswunderzeit’ in unterschiedlichsten Locations unterwegs. Kontakt und Infos über Email: ThoKla1@gmx.de

Beitrag drucken
Anzeigen