E-Motion/Takao Baba: Boys don't dance (Foto: Eva Berten)
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Viersen. Vom Mittwoch, 28. April 2021, bis Sonntag, 9. Mai 2021, sind insgesamt neun Städte Schauplatz des Festivals „tanz nrw“. Die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung wird in diesem Jahr zum ersten Mal in Viersen eröffnet. Und es gibt noch eine Premiere: Der aktuellen Pandemieentwicklung geschuldet, findet tanz nrw in diesem Jahr erstmalig komplett digital statt.

Aus den teilnehmenden Städten werden ausgewählte Tanzproduktionen online gezeigt. Damit wird Nordrhein-Westfalen zur digitalen Plattform für den zeitgenössischen Tanz. Alle eingeladenen Produktionen werden auf dringeblieben.de gestreamt. NRW-Kulturministerin Isabell Pfeiffer-Poensgen und die Bürgermeisterin der Stadt Viersen, Sabine Anemüller, eröffnen das Festival tanz nrw 21 am Mittwoch, 28. April, um 20 Uhr, mit Grußworten.

Nach diesen Videobotschaften beginnt das Stück „Cobra Blonde“ von Reut Shemesh – live gestreamt aus der Festhalle Viersen. Der traditionelle deutsche Gardetanz und der international geprägte zeitgenössische Tanz sind zwei Welten, die fast nie miteinander in Berührung kommen. In „Cobra Blonde“ bringt Reut Shemesh, Choreografin und Factory Artist am Tanzhaus NRW, beide Welten gemeinsam auf die Bühne und wirft einen Blick auf die jeweils vorherrschenden Geschlechterverhältnisse.

In den vergangenen Jahren ist Reut Shemesh tief in die Welt des Gardetanzes eingetaucht, hat dessen Bewegungsrepertoire und den geschichtlichen Hintergrund studiert. In der Begegnung mit der Tanzgarde der Karnevalsfreunde der Katholischen Jugend Düsseldorf sucht sie nach Verbindungen zwischen dem traditionsreichen Repertoire des Gardetanzes und ihrer eigenen vom zeitgenössischen Tanz geprägten Arbeit. Gemeinsam mit den Gardetänzerinnen und deren Trainerin Ulla Gerling ist eine Choreografie entstanden, in der sich die strenge Form des Gardetanzes öffnet und Raum für Individualität schafft. Zwischen dem im zeitgenössischen Tanz gängigen Ansatz Individualität zu thematisieren und der Kraft der Gemeinschaft, aus der die Tanzgarde schöpft, entsteht ein ungewöhnliches ästhetisches wie auch politisches Kräftefeld.

Bereits um 18 Uhr gibt es ein Video über die Installation „Die ultimativ positive, performativ installative, relativ alternative Schöpfung“ der Düsseldorfer Kompanie Hartmannmüller zu sehen. Das Video entstand anlässlich der dortigen Ausstellung „Tanz in der Kunst“ in der Städtischen Galerie im Park. Dort schlägt im Erdgeschoss eine sich über mehrere Räume erstreckende Installation die Brücke zwischen bildender Kunst und Performance. Passt die Schöpfung in ein Laboratorium? In ihrer Installation versuchen HARTMANNMUELLER, die Naturgewalten unter einen Hut zu bringen. Sind sie dabei Forscher, Testpersonen, Zuschauer oder Götter? Zwischen ebenso komplexen wie grazilen Versuchsaufbauten aus Glas erzählen Simon Hartmann und Daniel Ernesto Mueller Teile der Schöpfungsgeschichte und rezitieren Filmzitate der 1990er und 2000er Jahre. Mit ihrem künstlerischen Aufbau, der spielerischen Erzählweise und ihrer Choreografie schaffen sie einen Raum für „Die Schöpfung“ außerhalb unseres zerstörerischen Weltbilds. Gleichzeitig suchen sie nach einem neuen Selbstverständnis des Menschen, das uns ungehemmt den Spiegel vorhält: Erschaffen oder zerstören wir?

Um 19 Uhr bewegen sich in der gestreamten Video-Installation „flounce into flounce“ von Seongmin Yuk wie durch einen Schleier betrachtet Silhouetten von Figuren durch einen dunklen Raum. Tänzerinnen und Tänzer folgen gegenseitig ihren abstrakten Bewegungen. Sie begegnen sich dabei nie, sondern gleiten aneinander vorbei. Diese surreal anmutenden Beinahe-Interaktionen erzeugen eine besondere Dynamik in einem Raum, in dem An- und Abwesenheit geisterhaft miteinander koexistieren.

Am Sonntag, 2. Mai, um 15 Uhr und am Montag, 3. Mai, um 11 Uhr (geeignet für Schulklassen) zeigt die Kompanie E-Motion/Takao Baba das Stück „Boys don‘t dance“ für Kinder und Jugendliche als Stream. TikTok, Fortnite, Instagram – Tanzmoves und Bewegungen verbreiten sich in Windeseile, „gehen viral“. Insbesondere die Bewegungsmotive aus dem Videospiel Fortnite sind um die Welt gegangen. Der Tänzer Takao Baba und seine Kompanie erforschen und entdecken, wie die Moves aus dem Netz Kindern und Jugendlichen ein Tor in die Welt des Tanzes und zu ihrer ganz eigenen Körpersprache öffnen.

Das Stück „Cherchez la femme“ von der Cooperativa Maura Morales wird am Freitag, 7. Mai, um 21 Uhr gestreamt. Die gebürtige Kubanerin Maura Morales hat mit der Frau und dem weiblichen Körper ihr Thema gefunden: Für ihre Arbeit „Cherchez la femme!“ („Sucht die Frau!“) hat sie sich von den Bildern der amerikanischen Fotografin Francesca Woodmans inspirieren lassen. Die beunruhigende Wirkung von Woodmans Aktaufnahmen, auf denen sie meist selbst zu sehen ist, überträgt die Choreografin gemeinsam mit zwei Tänzerinnen auf die Bühne und stellt damit auch die Fragen: Was bedeutet es, als Künstlerin den eigenen Körper als Medium einzusetzen – Subjekt und Objekt zugleich zu sein? Ist Schönheit als Merkmal überhaupt noch zeitgemäß? Zu der Live-Musik des Komponisten Michio Woirgardt erschaffen die Tänzerinnen eine ebenso beunruhigende wie anziehende Bildwelt.

Das Festival tanz nrw bringt in diesem Jahr das weit gereiste Projekt „Just in Time“ von deufert&plischke nach NRW. Jeder und Jede kann daran teilnehmen und einen „Brief an den Tanz“ schreiben. Am Mittwoch, 5. Mai, um 19 Uhr findet dazu ein Workshop in virtueller Form statt. In diesem zweistündigen Workshop werden Kattrin Deufert und Thomas Plischke gemeinsam mit den Teilnehmenden Lieblingsbewegungen erörtern, sich über Tanzerfahrungen austauschen, sich gemeinsam bewegen. Abschließend verfassen alle ihren persönlichen Brief an den Tanz. Mit diesem fortlaufenden Projekt, das 2016 startete, überschreiten deufert&plischke die Grenzen von Tanz und Theater. Aus den Briefen an den Tanz entstehen Dokumente und Momentaufnahmen der Begegnung mit dieser Kunstform. Alle Briefe – anonym oder signiert – werden in das von deufert&plischke 2016 begonnene Archiv aufgenommen. So entsteht mit diesem Tanz-Erbe-Projekt eine „Zeitkapsel über den Tanz“. Außerdem fließen die persönlichen Tanzmomente in den Abschlussball mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern sowie einem DJ ein. Diese – natürlich ebenfalls virtuelle – Veranstaltung im choreografischen Zentrum PACT Zollverein bildet am 9. Mai den Ausklang des Festivals tanz nrw 21.

Für den Workshop am 5. Mai ist die Teilnehmerzahl begrenzt. Nach der Anmeldung unter workshop@tanz-nrw-aktuell.de wird der Zoom-Link für den Workshop verschickt.

Tagesaktuelle Informationen zu tanz nrw 21 bietet die Webseite tanz-nrw-aktuell.de Tickets sind unter dringeblieben.de ab 1 Euro erhältlich – höhere Spenden sind möglich.

Links:
Webseite des Festivals: https://tanz-nrw-aktuell.de

Streams und Tickets: https://dringeblieben.de

Programmflyer in leichter Sprache: https://www.viersen.de/c125704a003091f1/files/flyer-tanznrw21-einfache-sprache.pdf/$file/flyer-tanznrw21-einfache-sprache.pdf

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