Screenshot von https://stolpersteine.wdr.de

Mülheim an der Ruhr. Mülheim mit Unterstützung des Stadtarchivs dabei

Mit etwa 80.000 verlegten Stolpersteinen in 27 europäischen Ländern ist das 1995 vom Künstler Gunter Demnig begonnene Erinnerungs-Projekt das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Hinter jedem Stein verbirgt sich die Geschichte eines Menschen, der vom nationalsozialistischen Terror-Regime verfolgt, deportiert oder ermordet wurde. Rund 15.000 Stolpersteine liegen in Nordrhein-Westfalen; an 168 Mülheimer*innen erinnert ein Stolperstein meist vor den ehemaligen Wohnhäusern der Verfolgten.

Man stelle sich vor, die Stolpersteine könnten an Ort und Stelle Auskunft darüber geben, welches Schicksal sich hinter den Namen und Daten auf dem jeweiligen Stein verbirgt. Um diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen, hat ein Projekt-Team des Westdeutschen Rundfunks im April 2020 erstmals lokale Initiativen, Mitarbeitende in Kommunalarchiven, Geschichtsvereine sowie andere Akteure*innen – so auch das Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr  https://www.muelheim-ruhr.de/cms/index.php?action=auswahl&fuid=c8b6547378006fe0a97e0ffaa26c00ed – zu einem Werkstattgespräch in das WDR-Funkhaus nach Köln eingeladen. Entstehen sollte eine technisch innovative App, die Informationen über alle in NRW verlegten Stolpersteine beinhaltet. Zur Zielgruppe gehören vor allem junge Menschen, die mit herkömmlicher Gedenk- und Erinnerungskultur nur wenig in Berührung kommen.

Wie gelingt das Sehen, Erleben, Erinnern mit der neuen App?

In der Stolpersteine NRW-App und auf der Webseite https://stolpersteine.wdr.de werden die Schicksale der verfolgten Menschen durch biografische Texte, Illustrationen, Hörspiele und historische Fotos hör-, seh- und erlebbar. Fotos, Audiodateien, Videos und Texte beschreiben die Verfolgung und Ausgrenzung von Menschen, die auch hier in Mülheim aufgewachsen, zur Schule gegangen, in Sportvereinen aktiv waren und vielleicht in der Nachbarschaft oder gar in derselben Straße gewohnt haben, wie die jungen Nutzer*innen der App heute. Augmented-Reality-Elemente sind ebenfalls Teil der App. Dabei werden mit virtuelle Szenarien visualisiert und beispielsweise historische Aufnahmen in die heutige Umgebung eingebettet. Zudem kann der Mülheimer Opfer durch das virtuelle Anzünden von Kerzen gedacht werden. Eine interaktive Karte zeigt alle derzeitig verlegten, Stolpersteine in NRW. Routen sowie eine integrierte GPS-Navigationsfunktion leiten von Stolperstein zu Stolperstein. Ein interaktiv verknüpftes Glossar erklärt unbekannte Begriffe.

Die Inhalte von App und Webseite sind größtenteils identisch. Für Lehrende zusammengestellte Unterrichtsinhalte und –materialien sind lediglich auf der Webseite abrufbar. Das Recherchieren auf einem größeren Bildschirm ist etwas komfortabler als beim Smartphone, so lassen sich z.B. Filter- und Sucheinstellungen in der interaktiven Karte übersichtlicher bedienen.

Die App verschafft einen leichteren Zugang zu den Informationen über die Schicksale der Opfer. Sie bettet die persönlichen Biografien in die historischen Hintergründe ein. Die Verwendung verschiedener Medienarten ermöglicht auch eine Identifikation mit den Opfern. Gleichzeitig sensibilisiert sie für Hass, Hetze und antisemitischen Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Die App ist für die beiden Plattformen iOS und Android kostenlos verfügbar und kann dann auf dem üblichen Weg über die so genannten “Stores” heruntergeladen werden.

Das WDR-Team konnte sich bei der Projektumsetzung auf die Unterstützung von 257 Kommunen in verlassen, durch deren Mitarbeit die App erst realisierbar wurde. Insgesamt sind rund 1.000 Texte neu geschrieben, rund 100 Vorlese-Audios eingesprochen, rund 100 Mini-Hörspiele produziert und mehr als 200 Graphic-Storys gezeichnet und betextet worden. Am Ende sind auch dies “nur” 10 Prozent der vorhandenen Stolpersteine. Im Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr überprüften Jana Kleine und Annett Fercho Daten und Fakten, ergänzten oder korrigierten Texte und sichteten Bildmaterial, um es in die der App zugrundeliegenden Datenbank einzupflegen. Dafür waren viele Arbeitsstunden notwendig. Die Fotorecherchen sind auch längst noch nicht abgeschlossen. Gegenwärtig sind eine Graphic-Story und sechs Text-Storys erstellt sowie sechzehn Fotos der in Mülheim verfolgten  Menschen in der App/auf der Webseite anzusehen. Die App ist zwar gestartet, sie ist aber noch lange nicht abgeschlossen und es wird weiter daran gearbeitet, die Datensätze zu vervollständigen.

 

STOPERSTEINE IN MÜLHEIM:

Seit 2004 gibt es in Mülheim die bundesweit bekannten Stolpersteine von Gunter Demnig. Dabei handelt es sich um quadratische Betonblöcke, auf denen eine beschriftete Messingplatte angebracht ist. Mit diesen Gedenktafeln wird an das Schicksal der Menschen erinnert, die im Nationalsozialismus ermordet wurden. Verlegt werden die Gedenksteine vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz des Opfers.

2004 fand Demnigs Erinnerungsprojekt den Weg nach Mülheim an der Ruhr. Aus Anlass ihres 75-jährigen Schuljubiläums waren Schüler der Realschule Stadtmitte in Karteien aus den 1930er Jahren auf Namen von ehemaligen jüdischen Schülern gestoßen. Einige von ihnen waren in Konzentrationslagern umgekommen. Um daran zu erinnern, nahm man mit Gunter Demnig Kontakt auf. Am 18. Dezember 2004 konnten dann dank großzügiger Spenden die ersten sieben Stolpersteine in Mülheim verlegt werden.

Die Mülheimer Initiative für Toleranz (MIT) setzte die Aktion fort. Dazu wurde ein Arbeitskreis “Stolpersteine” gegründet, der sich aus Mitgliedern der MIT, Geschichtslehrern, Schülern sowie interessierten Bürgerinnen und Bürgern zusammensetzte und bis 2019 bestand. Das Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr unterstützte die Mitglieder des Arbeitskreises bei der Recherche nach Quellen, Daten und Fakten zur Erstellung der Biografien der NS-Opfer und bleibt auch weiterhin Ansprechpartner für Interessierte, die mit einem Stolperstein an das Schicksal Mülheimer Bürger erinnern möchten.

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