v.l. Oberbürgermeister Thomas Kufen, die ehemaligen Essener Diakoniepfarrer Günter Herber und Karl-Horst Junge, Superintendentin Marion Greve, Gastrednerin Cornelia Coenen-Marx und den jetzigen Diakoniepfarrer, Andreas Müller (Foto: Alexandra Roth)
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Essen. Cornelia Coenen-Marx: Diakonie erfahren heißt spüren, dass ich nicht allein bin

„Diakonie erfahren heißt spüren, dass ich nicht allein bin“ – mit einem Vortrag der Theologin und Autorin Cornelia Coenen-Marx und einer Würdigung durch Oberbürgermeister Thomas Kufen ist am Freitag (25.11.) in der Marktkirche das Jubiläumsjahr „100 Jahre Diakonie in Essen“ eröffnet worden. Rund 200 Repräsentantinnen und Repräsentanten aus Kirche und Kultur, Politik und Sozialwesen nahmen am Neujahrsempfang teil, mit dem die Evangelische Kirche in Essen traditionell das neue Kirchenjahr und die Adventszeit begrüßt. Das Jubiläum der Diakonie steht unter dem Motto „#AUSLIEBE zu Essen“; geplant sind Gottesdienste, ein Bürgergespräch, Aktionstage, Fachveranstaltungen und eine Ausstellung. Für die Musik sorgten Sängerinnen des Vokalensembles „Vollklang“.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ – die Losung für das Jahr 2023 aus 1. Mose 16,13 ermutige dazu, den „Blick auf diejenigen zu lenken die am Rande stehen“, sagte die Essener Superintendentin Marion Greve zu Beginn der Veranstaltung. Genau das sei das zentrale Anliegen der Diakonie: „Im vor uns liegenden Jubiläumsjahr feiern wir, dass wir dieser Aufgabe in Essen seit der Einrichtung des Diakoniepfarramts und der Gründung des Wohlfahrtsverbandes der Diakonie vor 100 Jahren mit großem Einsatz nachkommen.“ Eine Einschätzung, die Thomas Kufen in seinem Grußwort bekräftigte: „Dadurch, dass Sie sich ‚aus Liebe‘ zu den Menschen und ‚aus Liebe‘ zur Stadt für unser Gemeinwesen einsetzen, tragen Sie ein Licht in die Dunkelheit und sorgen gemeinsam mit den anderen Wohlfahrtsverbänden dafür, dass wir die aktuellen Krisen und Herausforderungen in unserer Stadt gut bewältigen können.“ Nur deshalb sei es zuletzt gelungen, rund 7.000 Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen und zu betreuen. „Ich weiß, dass wir uns auf die Diakonie verlassen können“, sagte Thomas Kufen. „Sie verbindet Klarheit mit Tatkraft. Einerseits weist sie Politikerinnen und Politiker immer dort, wo es nötig ist, auf soziale Schieflagen hin, und erfüllt damit eine wichtige Aufgabe. Aber sie tut das, ohne sich selbst aus dem Spiel zu nehmen, sie übernimmt Verantwortung und will selbst ein Teil der Lösung sozialer Probleme sein.“

Dass letztere derzeit zunähmen, benannte Cornelia Coenen-Marx in ihrem Vortrag in aller Deutlichkeit. Die Corona-Krise habe allen, die dies wissen wollten, einen Einblick ermöglicht – etwa in den „wachsenden Personal-Notstand in der Pflege, die völlig ungenügende Finanzierung, das Armutsrisiko von pflegenden Angehörigen“. Dass „die Einsamkeit der Alten, die Verletzlichkeit von Menschen mit Behinderung, die Ängste der Sterbenden, die Suche der Jugendlichen nach Gemeinschaft und der Kinder nach Bildung dabei weitgehend ausgeblendet geblieben“ sei, beunruhige sie zutiefst. Nicht anders gehe es derzeit den rund 13,8 Millionen Menschen in Deutschland, die, mitten in der sich abzeichnenden Energiekrise, von Armut betroffen seien, erklärte die ehemalige Oberkirchenrätin und Referatsleiterin für Sozial- und Gesellschaftspolitik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): „Viele sorgen sich vor der Kälte – vor der fühlbaren Kälte in den eigenen vier Wänden und an den Arbeitsplätzen. Vor der inneren Kälte, wenn die Sorgen wachsen, weil nicht nur Strom und Gas teurer werden, sondern auch Lebensmittel und Benzin. Und vor der sozialen Kälte, der Gleichgültigkeit zwischen den Menschen.“

Eindringlich forderte Cornelia Coenen-Marx dazu auf, die Gesundheits-, Sozial- und Wohlfahrtssysteme solidarischer und gerechter zu organisieren und zu finanzieren. Gleichzeitig müsse diakonisches Engagement stärker gewürdigt werden, denn vieles davon spiele sich hinter verschlossenen Türen ab: in Kliniken, Hospizen, Pflegeeinrichtungen und Wohngruppen, in privaten Wohnungen, Tag für Tag, Jahr für Jahr. „Während wir gut sehen können, was in öffentlichen Treffpunkten geschieht, bleibt diese Arbeit für Außenstehende, für Politikerinnen und Politiker, für die meisten Menschen unsichtbar, wird viel zu wenig wahrgenommen und geschätzt.“ Wenn viele der Haupt- und Ehrenamtlichen sich engagierten, oft über die Grenzen der eigenen Belastbarkeit hinaus, dann täten sie es fast immer „trotzdem“ – oder, wie es das Jubiläumsmotto der Diakonie in Essen ausdrücke, „aus Liebe“. Letztendlich lebe die Diakonie von Beziehungen – ob im Miteinander von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zwischen Pflegebedürftigen, ihren Angehörigen und den Pflegenden, zwischen Kindern, Jugendlichen und ihren Erzieherinnen und Erziehern. „Diakonie erfahren heißt spüren, dass ich nicht allein bin“, brachte es Cornelia Coenen-Marx auf den Punkt.

Im Anschluss an den Vortrag gab Andreas Müller den Anwesenden einen Überblick über das anstehende Jubiläumsjahr, zu dem auch eine diakonische Jobbörse, mehrere Fachveranstaltungen und ein Fest der Diakonie-Azubis zählten. „Wir wollen die Arbeit der Diakonie in ihrer ganzen Bandbreite und Vielfalt darstellen, kündigte der Diakoniepfarrer an. Bereits im Advent fänden in Essener Kirchengemeinden die ersten Diakoniegottesdienste statt; in einer Kooperationsveranstaltung mit der Alten Synagoge Essen solle es am 16. Dezember um das Thema „100 Jahre jüdische Sozialarbeit in Deutschland“ gehen. Beim anschließenden Abend der Begegnung im Haus der Evangelischen Kirche erhielten alle Gäste ein Exemplar der Festschrift „Praktizierte Nächstenliebe. 100 Jahre Diakoniepfarramt und Wohlfahrtsverband der Diakonie in Essen“, die Professor Norbert Friedrich im Auftrag des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises Essen verfasst hat. Wer sich eingehender mit der Geschichte der Diakonie in Essen beschäftigen will, ist am 26. Januar im Restaurant Church der Diakonie zu einem Austausch mit dem Autor willkommen. Im Internet werden alle Termine nach und nach auf der neuen Homepage diakonie-essen.de veröffentlicht.

 



Stichwort: Die Diakonie in Essen

Die Diakonie in Essen ist seit 1922 als Wohlfahrtsverband organisiert. Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Essen unterstützt die diakonische Arbeit der rund dreißig Kirchengemeinden, Verbände und des Kirchenkreises und der fast fünfzig freien Träger diakonischer Einrichtungen, die ihren Sitz in Essen haben. Die Wahrnehmung dieser Aufgaben geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Diakoniewerk Essen. In den vielfältigen diakonischen Arbeitsfeldern sind rund 9.200 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und etwa 2.400 Ehrenamtliche tätig. Gemeinsam beraten, unterstützen und betreuen sie an rund 250 Standorten in der Stadt eine Vielzahl von Bürgerinnen und Bürgern jeglichen Alters, unabhängig von deren Religion, Nationalität oder sozialem Status. Dabei wird in vielen Arbeitsfeldern großer Wert auf eine seelsorgliche Begleitung gelegt. Die Essener Diakonie beteiligt sich an der öffentlichen Willensbildung und leistet einen deutlichen Beitrag zu einer gerechten, solidarischen und inklusiven Stadtgesellschaft. Die Leitung des Diakonischen Werkes hat Diakoniepfarrer Andreas Müller. Internet: diakonie-essen.de.

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