(Foto: Stephan Ink)
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Köln. Es gibt viele Erfolge im Einsatz für Selbstbestimmung und Akzeptanz – gleichzeitig nehmen Gewalt und Anfeindungen gegen queere Menschen in Deutschland und weltweit zu. Anlässlich des CSD-Empfangs 2023 der Aidshilfe NRW und des Queeren Netzwerks NRW erinnerten die Vorstände beider Verbände daher daran, wie wichtig Momente des Feierns und des gegenseitigen Empowerments sind – um gleichzeitig nicht müde zu werden im Kampf für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung standen die Forderungen nach einer intersektionalen Infrastruktur für queere Menschen, nach Nachbesserungen im Selbstbestimmungsgesetz und außenpolitischem Engagement für queere Menschenrechte. Rund 650 Gäste besuchten der Veranstaltung im Kölner Gürzenich, in deren Rahmen die Auszeichnung „Die Kompassnadel“ an SOFRA – Queer Migrants e.V., die erste Migrant*innenselbstorganisation in NRW, verliehen wurde.

Laura Becker, Vorstandssprecherin des Queeren Netzwerks NRW, skizzierte das Spannungsfeld, in dem queere Menschen leben und queere Arbeit gestaltet wird: „Wir gehen an Schulen, an denen Regenbogenflaggen gehisst werden und gleichzeitig queere Lehrkräfte und Schüler*innen Mobbing erfahren. Wir arbeiten in Unternehmen, in denen zum Pride Month ein Regenbogen-Avatar das Social-Media-Profil schmückt und sich gleichzeitig Mitarbeitende weigern, den neuen Vornamen von Kolleg*innen zu lernen. Wir organisieren CSDs, auf denen Polizist*innen mittanzen, während ihre Kolleg*innen Teilnehmende mit Fetischmasken von der Demo ausschließen. Wir werden zu Lesungen in Stadtbüchereien eingeladen und bekommen Drohbriefe, weil wir das Kindeswohl gefährden.“ Umso wichtiger sei es, dass sich queere Communities untereinander stärkten und verteidigten, und dass Politiker*innen ihrer Verantwortung nachkämen, die Grundrechte queerer Menschen zu schützen: „Universelle Werte und Menschenrechte sind unteilbar und gelten damit gesamtgesellschaftlich, sie müssen also auch gesamtgesellschaftlich verteidigt werden.“

Trotz vieler Fortschritte seien diese an vielen Stellen noch nicht gewährleistet, so Arne Kayser, Vorsitzender der Aidshilfe NRW: „Wir sind nicht naiv. Dass Gesetzgebung, zumal allem ein großer Wurf wie das Selbstbestimmungsgesetz, ihre Zeit braucht, ist selbstverständlich. Alles andere als nachvollziehbar ist allerdings die Schacherei mit Grundrechten und Menschenwürde, das wir in den letzten Monaten beim SBGG erlebt haben.“ Großen Nachbesserungsbedarf gäbe es auch bei der adäquaten Unterbringung und dem Gewaltschutz queerer Geflüchteter als besonders vulnerable Gruppe in Asylunterkünften und in der Gesundheitsversorgung: „Rassismus, Transfeindlichkeit und nicht zuletzt Diskriminierung von Menschen mit HIV gibt es auch im Gesundheitswesen. Als Aidshilfe und Queeres Netzwerk wenden wir uns gegen jede Ungleichbehandlung in unserem Gesundheitssystem und appellieren an alle Ärzt*innen, Vorbehalte aufzugeben und diskriminierendes Verhalten aufzugeben und den Menschen, die sich an sie wenden den Zugang zu einer adäquaten Versorgung zu ermöglichen.“

Im Mittelpunkt des Empfangs stand die Verleihung der Kompassnadel als Auszeichnung für herausragendes queeres Engagement. Ausgezeichnet wurde in diesem Jahr der Verein „SOFRA – Queer Migrants“ als erste queere Migrant*innenselbstorganisation in NRW. Die besondere Bedeutung von intersektionalem Engagement für queere Communities of Color hob auch Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung und Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, in ihrer Laudatio hervor: „Die eigene Identität ist ein unglaublich vielschichtiges Konstrukt. Diese Vielschichtigkeit zu sehen und anzuerkennen ist so wichtig: Die ganze Person wirklich zu sehen und von hier aus gegen Diskriminierung anzugehen, DAS ist wirklich ein solidarischer Ansatz.“

Unter den über 600 Gästen des Empfangs befanden sich zahlreiche Vertreter*innen queerer Nichtregierungsorganisationen und Communities in NRW sowie Verbündete aus Zivilgesellschaft und Politik, darunter NRW-Familienministerin Josefine Paul, sowie Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien und Sven Lehmann, Queer-Beauftragter der Bundesregierung.

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