Razma & Edrees Azizi mit ihren Abschlusszeugnissen (Foto: privat)
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Duisburg. Bei Tausche Bildung für Wohnen unterstützen junge Bildungspat:innen Schüler:innen bei ihrer schulischen und persönlichen Entwicklung. Ein ehemaliges Tauschbar-Kind hat jetzt erfolgreich sein Abitur bestanden. Warum das in vielfältiger Weise besonders ist, verdeutlicht die Geschichte des Abiturienten. 

„Ich hätte besser sein können, vor allem in Mathe. Aber beispielsweise Kontextaufgaben auf Deutsch zu lesen und zu verstehen, das war bis zum Ende schwierig“, so Edrees Azizi. Vor kurzem hat er sein Abitur erfolgreich bestanden. Das Ungewöhnliche daran: Edrees kam erst mit 15 Jahren mit seinen Eltern und vier Geschwistern aus Afghanistan nach Deutschland, sprach kein Wort Deutsch und seine Familie konnte ihm nur sehr begrenzt bei den Hausaufgaben helfen. In der Tauschbar in Duisburg-Marxloh fanden er und seine Schwester Razma Freund:innen, aber auch Bildungspat:innen, die sie schulisch unterstützten und zu wichtigen Bezugspersonen wurden. Inzwischen hat Edrees nicht nur das Abitur geschafft, er hat auch zwei Praktika im Landtag NRW hinter sich und wird im Oktober ein BWL-Studium beginnen. Seine Schwester Razma hat ihr Fachabitur erfolgreich abgelegt und sucht derzeit nach einer Ausbildungsstelle – und  ist dem Verein Tausche Bildung für Wohnen mehr als nur treu geblieben. Als Gründungsmitglied des Tausche Bildung für Wohnen Hamburg e.V.s – der ersten Tauschbar außerhalb NRWs – engagiert sie sich nun als Vereinsmitglied, sodass auch in Hamburg Kinder von den Angeboten des Vereins profitieren können. Die jüngeren Geschwister besuchen inzwischen die Tauschbar in Marxloh.

„Ich bin sehr dankbar für meine Zeit in der Tauschbar“, so Edrees. „Hier haben meine Geschwister und ich viele schöne Dinge erlebt, schnell unser Deutsch verbessert, Freunde gefunden, die wir jeden Tag nach der Schule dort treffen konnten und es war immer jemand da, der uns beim Lernen unterstützen konnte. Das war so wertvoll.“ Von 2015 bis 2018 hat Edrees seine Nachmittage nach der Schule in der Tauschbar verbracht, die jüngere Razma war noch ein Jahr länger dort.

„Wir freuen uns extrem, dass zwei unserer Schützlinge so weit gekommen sind. Anfangs konnte Edrees kaum sprachlich mit den anderen interagieren, hat aber schnell gelernt – er ist ganz schön ehrgeizig und es war ihm wichtig, zu kommunizieren und sich mitzuteilen“, so Christine Bleks, Gründerin des Vereins Tausche Bildung für Wohnen. Anderthalb Jahre lang hat Edrees damit verbracht, die neue Sprache zu lernen. Dann kam er in die sechste Klasse des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums. „Da war ich schon 16, was ein bisschen komisch war. Aber ich habe versucht, mich an die jüngeren Schüler anzupassen… Es war gut, dass ich in der Tauschbar auch andere in meinem Alter treffen konnte.“

Zwei Praktika im Landtag von NRW

In der Tauschbar traf Edrees auch auf Frank Börner, Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Er war zu Besuch, um die Einrichtung in Marxloh näher kennen zu lernen. Einige Kinder stellten sich vor, darunter Edrees Azizi, der auch seinen Berufswunsch angab: Politiker. “Ich sagte damals spaßig, er könne ja mal ein Praktikum bei mir machen. Das hat er sich gemerkt, und als er mich zwei Jahre später auf einem Marxloher Sommerfest entdeckte, zupfte er mich am Ärmel und fragte nach dem versprochenen Praktikum”, so Börner. “Das hat mich beeindruckt und ich habe zugesagt.” Gemeinsam mit MdL Frank Börner nahm Edrees im Rahmen des zweiwöchigen Schulpraktikums an Landtagssitzungen teil, begleitete ihn bei Terminen und Gesprächen mit Firmenchefs, Besuchen von Vereinen und Organisationen… “Edrees habe ich als sehr interessierten Jungen wahrgenommen, der alles wie ein Schwamm aufsaugt. Es hat Spaß gemacht, ihn mitzunehmen und dabei zuzusehen, wie er sich weiterentwickelt.” So folgte in der 12. Klasse ein weiteres Praktikum bei Frank Börner. “Dass er jetzt das Abitur geschafft hat, freut mich sehr und macht mich auch ein bisschen stolz. Es zeigt auch, wie sehr es sich lohnt, genauer hinzuschauen und junge Menschen zu unterstützen, die mit schwierigen Voraussetzungen nach Deutschland kommen. Für Edrees war es Gold wert, dass man ihm Zeit gelassen hat, Deutsch zu lernen und ihn in einer niedrigeren Klasse eingestuft hat. Und dass er mit der Tauschbar einen guten Rahmen zum Lernen hatte, aber auch, um dort Gleichaltrige zu treffen sowie vertraute Erwachsene, die ihm neue Perspektiven eröffnen und sein Selbstvertrauen stärken.”

Das sieht auch die Gründerin des Vereins: “Was uns in unserer Arbeit immer klarer wird: Die Abwesenheit nötiger finanzieller Ressourcen ist nur der sichtbare Teil eines Problems, das sich in fehlenden Pausenbroten oder mangelnder Schulausrüstung spiegelt”, so Christine Bleks. “Der unsichtbare Teil zeigt sich in fehlenden Vorbildern und Netzwerken aus Bekannten, Freunden und Institutionen, die das Weltbild erweitern, Zugänge in andere gesellschaftliche Kreise ermöglichen und dadurch das Verlassen der Armutsspirale begünstigen können. Das zu unterstützen sehen wir als wichtigen Bestandteil unserer Arbeit – um den Kindern auch langfristig Perspektiven zu ermöglichen.”

Ab Oktober wird Edrees BWL studieren, wo ist noch nicht klar, denn er wartet noch auf die Rückmeldung von Universitäten. „Die Wirtschaft spielt eine große Rolle in unserer Gesellschaft und wirkt sich sehr auf unser Zusammenleben und die politischen Entwicklungen aus. Solche Zusammenhänge interessieren mich und ich möchte mehr darüber wissen.“ Ob er eines Tages tatsächlich Politiker wird, weiß er noch nicht. “Ich möchte erstmal noch viel lernen.”

Über Tausche Bildung für Wohnen

2012 gründete Christine Bleks die gemeinnützige Bildungsorganisation „Tausche Bildung für Wohnen e.V.“. Der Verein verfolgt an inzwischen sechs Standorten die Vision einer chancen- und bildungsgerechten Gesellschaft, in der Kinder und junge Erwachsen sich frei entfalten können. Wichtigstes Ziel ist es, junge Menschen – sowohl die geförderten Kinder als auch ihre Bildungspat:innen – dazu zu befähigen, selbstbewusste Gestalter:innen ihres eigenen Lebens zu werden. Die Bildungspaten:innen fördern die persönliche und schulische Entwicklung von Kindern aus segregierten Stadtteilen und bieten ihnen in den sogenannten Tauschbars – den Wirkungsorten des Vereins – ein zweites Zuhause. Dafür wohnen sie in den WGs des Vereins mietfrei.  So entsteht eine Win-Win-Win-Situation für Kinder, junge Erwachsene und den jeweiligen Stadtteil – und damit eine langfristige Perspektive für die unmittelbare Region. Die Finanzierung wird durch Stiftungen und Förder:innen getragen, die Räume für die Tauschbars und WGs werden von Immobiliengesellschaften zur Verfügung gestellt. Inzwischen gibt es sechs Standorte.

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