Konrad Adenauer Denkmal vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn (Foto: Pixabay)
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Willich/Bonn/Rhein-Ruhr. Diktatur, Krieg, Zerstörung und ein Leben in Trümmern hatten die Völkisch-Braunen geschaffen. Der 2. Weltkrieg vernichtete 55 Millionen Menschen im Krieg, über sechs Millionen Menschen wurden durch den Holocaust und die sogenannte Euthanasie getötet. Die „Blut und Boden Ideologie“ der völkisch-braunen Barbarei hinterließ eine einzigartige Blutspur in der Geschichte der Menschheit. Nach der militärischen Niederlage befanden sich 25 Millionen Deutsche auf der Flucht. 

Auf der „Potsdamer Konferenz“ der Siegermächte wurde Deutschland unter den Alliierten aufgeteilt, die Wirtschaft dezentralisiert, das Land entmilitarisiert und die Menschen, soweit es möglich war, entnazifiziert. Erstmals verhandelte ein Tribunal gegen das NS-Verbrecherregime in Nürnberg. Politisch Verantwortliche für Krieg und Holocaust endeten am Strick.

Doch trotz der Dominanz des Naziterrors gab es schon im Widerstand Ideen, wie ein demokratischer Neuanfang aussehen könnte. Vordenker war der Dominikanerpater Eberhard Welty mit seiner Schrift „Was Nun?“ – Auch „Testament der Blutzeugen“ genannt, da viele, die an ihr gearbeitet und mitgedacht haben in Berlin Plötzensee hingerichtet wurden. So Nikolaus Groß und Bernhard Letterhaus aus dem Kettelerhaus in Köln. Sie standen im Kontakt zum militärischen Widerstand des 20. Juli 1944. Eine Idee war die Gründung einer ökumenischen Volkspartei. Ihr Gründungprogramm, das im Oktober 1945 veröffentlicht wurde, die „Kölner Leitsätze,“ wurde von Eberhard Welty maßgeblich geprägt. Nach dem Scheitern von Kapitalismus und Biologismus sollte ein christlicher Sozialismus die Frage nach dem „Was Nun?“ beantworten.

Union oder Partei der Arbeit

Bonn am Rhein wurde mit 33 gegen 29 Stimmen für Frankfurt/Main als „provisorische Hauptstadt“ der Bundesrepublik gewählt. Einer hatte hohen Einfluss für den Beginn der „Bonner Republik“, der Kölner Oberbürgermeister und frühere Zentrumspolitiker Konrad Adenauer. Er gehörte zu den Gründern der Christdemokraten in der britischen Zone und prägte sie auch inhaltlich. Eine seiner ersten programmatischen Reden hielt er am 24. März 1946 an der Kölner Universität: Die Person habe Vorrang vor dem Staat, ihre einzigartige Würde sei zu schützen, Wirtschaft habe eine dienende Funktion. Sein Ziel, die „Vereinigten Staaten von Europa.“ Seine Konsequenz: „Wenn Böses überhaupt einen Sinn haben kann, dann nur den, Deutsche zu immunisieren gegen alle Formen des Totalitarismus. Die Sühne muss darin liegen, einen Damm zu bilden gegenüber allen Anfechtungen und Gefahren, denen die Freiheit ausgesetzt ist.“ Keine Frage, welche Mahnung er heute vor der völkisch-braunen Versuchung an uns richten würde.

Wichtig im Vorfeld der ersten Bundestagswahl war die Durchsetzung der „Deutschen Mark“ 1948 durch den liberalen Franken Ludwig Erhard. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verabschiedet. Darin als zentrales Element gegen alle Versuchungen totaliter Ideen die Unantastbarkeit der Würde des Menschen.

Für die Sozialdemokraten kandidierte Kurt Schumacher. Mit seiner schneidenden Rhetorik gehörte er zu den besten Rednern auf Straßen und Marktplätzen. Christliche Gewerkschafter hatten lange im Widerstand um die Frage gerungen, ob sie eine ökumenische Volkspartei gründen oder mit den Sozialdemokraten nach britischem Vorbild eine „Partei der Arbeit“ aufbauen sollten. Die schnelle Neugründung der SPD beschleunigte dann die Gründung der Union. Am 14. August 1949 war es dann soweit, die erste freie, geheime und allgemeine Bundestagswahl. Die Union versprach nach dem atheistischen Naziregime „Wir wollen ein christlicher Deutschland“ und propagierte die „Soziale Marktwirtschaft“. Sie erhielt 31 Prozent und wurde stärkste Kraft. die Liberalen erhielten mit dem Slogan „Nur freie Wirtschaft bricht Not“ 11,9 Prozent. Die SPD wurde zweitstärkste Kraft mit 29,2 Prozent. Sie warb mit „Gesunder Wettbewerb durch Sozialisierung!“. Nach mehr als 70 Jahren hat sich an Themen und Ergebnissen nicht viel verändert.

Es zählte nur die Erststimme

Das Rennen um die Regierungsbildung begann. Immerhin waren 11 Parteien im ersten Deutschen Bundestag angekommen. Darunter auch das frühere katholische Zentrum, die Kommunistische Partei, die Deutsche Partei, eine Bayern Partei. Es gab nur eine Stimme und eine fünf Prozent Klausel auf Landesebene. Wer jedoch direkt gewählt wurde, kam ins Parlament. Die neue Regelung für die Bundestagswahl 2025 wonach nicht die Erststimme des direkt gewählten Volksvertreters, sondern die Zweitstimme für eine Parteiliste maßgeblich sein soll, kehrt diesen Grundsatz um. Der erste Bundestag bestand aus 410 Abgeordneten.

Während die bayrische CSU, vertreten durch den jungen Franz-Josef Strauß eine große Koalition mit der SPD favorisierte, setzte Konrad Adenauer auf die FDP. Bei einem legendären Abendessen mit gutem Wein konnte er sich gegen die Bajuwaren durchsetzen. So schlug er den linksliberalen Theodor Heuss zum Bundespräsidenten vor. Gegen den Einwand, er sei aber „nicht kirchenfreundlich genug“ entgegnete Adenauer, „Er hat eine sehr christlich denkende Frau, das genügt.“ Die FDP trug ihn als Bundeskanzler mit. Eine Stimme Vorsprung reichte für das Bundeskanzleramt. Seine eigene war dabei – es war nicht die Zeit für falsche Bescheidenheit. Weiterer Koalitionspartner war die „Deutsche Partei“. Deren norddeutsch geprägte Mitglieder wechselten bald zu den Christdemokraten .

11 Parteien und 410 Abgeordnete

Die Bundestagswahl von 1949 war die Richtungswahl der „Bonner Republik“. Westbindung, Soziale Marktwirtschaft und die Überwindung der Gräben innerhalb der Gesellschaft standen zur Abstimmung. Die Einigung der Völker Europas war die friedliche Vision. Sie führte dazu, dass sich die Bundesrepublik im Sinne von Konrad Adenauer so entwickelte, dass sie zum „Magnetfeld“, auch für die Menschen hinter dem. „Eisernen Vorhang“ wurde. Die friedliche Revolution von 1989 zeigte, dass der „Rheinische Kapitalismus“ mit dem Ausgleich von Wettbewerb, Freiheit, Verantwortung und Sozialstaat stärker war als Mauer und Schießbefehl. Die „Bonner Republik“: Der Berliner Aktionismus kann viel von ihr lernen.

Von Uwe Schummer

Uwe Schummer, MdB von 2002 bis 2021 (Foto: Christian Thiel)
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