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Rhein-Ruhr. Anfang November warnte die IG Bau vor steigender Altersarmut für Frauen. Demnach seien zum Beispiel 114.000 Frauen in Duisburg und dem Kreis Wesel in „atypischer Beschäftigung“, d.h. sie arbeiten in Teilzeit, Mini-Job oder Leiharbeit. Diese Niedriglohn-Jobs und Erziehungszeiten führten zwangsläufig zu niedrigeren Rentenansprüchen (siehe https://www.lokalklick.eu/index.php/ort/9-duisburg/3871-ig-bau-warnt-vor-steigender-altersarmut-fuer-frauen-114-400-frauen-in-atypischer-beschaeftigung). Die Politikwissenschaftlerin Cigdem Kaya nimmt Stellung und kommentiert den Artikel der IG Bau, dem Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung zu Grunde liegen:

Ich stimme dem Beitrag der IG BAU zu und möchte einiges ergänzen. Zu allererst muss eins festgehalten werden: Die Armutsquote ist bei Alleinerziehenden, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit geringer Qualifikation und Erwerbslosen gegenüber der letzten Jahre deutlich stark gestiegen. Sogar stärker als die Armut insgesamt. Leider ist es so, dass Armut im Übrigen weitervererbt wird. 38,4 % aller Alleinerziehenden in Deutschland müssen von Hartz IV leben, das sind 795 500 Erziehende mit insgesamt 839 000 Kindern (Der Paritätische). Somit ist die Hartz-IV-Quote der Kinder deutlich höher als die der Erwachsenen, das betrifft ca. 1,7 Mio. Kinder bundesweit. Nun, Armut bedeutet die Abstinenz von gesellschaftlicher Teilhabemöglichkeit, was zur Isolation, zu seelischen und physischen Beeinträchtigung führt. Armut bedeutet aber auch für die Betroffenen, dass sie eine kürzere Lebenserwartung haben, als Besserverdiener.

Fakt ist auch, dass der Niedriglohnsektor immer weiter ausgebaut und reguläre Beschäftigungsverhältnisse, sprich eine unbefristete versicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung, immer weiter abgebaut werden. Am meisten betroffen vom Niedriglohnsektor, oder  wie im Beitrag genannt vom atypischen im Beschäftigungsverhältnis, sind Frauen mit 50,6% (Männer 11,8%). D.h. die meisten Frauen sind teilzeitbeschäftigt, geringfügig beschäftigt oder befristet. Die Niedriglohnquote liegt in NRW bei 18,6%, wovon Frauen am stärksten betroffen sind, insbesondere die unter 30 Jahre.

Dabei floss den einkommensreichen 10% mindestens 3,66 mal so viel Einkommen zu, wie den einkommensärmsten 10% höchstens zur Verfügung steht. Die Ungleichheit in der Einkommensverteilung verläuft aber nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Leistungsgruppen: der Bruttostundenverdienst hat nämlich nur bei Führungskräften und ExpertInnen einen nennenswerten Verdienstzuwachs zu verzeichnen; bei den Fachkräften liegt er unterdurchschnittlich und auch bei Angelernten gab es eher einen Reallohnverlust. 2014 registrierte man 2 Millionen EmpfängerInnen von Mindestsicherungsleistungen. Und das sind nur die Registrierten; ca. 40% der Personen, die einen Leistungsanspruch haben, machen dies nicht geltend, aus Scham oder weil sie es einfach nicht wissen.

Eine politische Änderung wäre die Lösung, um konsequente Armutsbekämpfung zu betreiben. Wie das finanziert werden soll? Durch gerechte Besteuerung. In einem Land, wo eine Krankenschwester im Durchschnitt nach ihrem Bruttoverdienst bemessen mehr zahlt als Superreiche, ist das mehr als nur ungerecht.

Mensch vor Profit bedeutet, dass die „Lebenszeit“ nicht weiter abgebaut wird. Immer häufiger nämlich dominiert die Erwerbszeit das Leben, sei es in Form längerer Wochenenden oder Lebensarbeitszeiten oder der Ungleichheit der Arbeitszeitverteilung in der Partnerschaften und Familien durch immer mehr Schicht- und Wochenendarbeit. Heute leben Frauen wesentlich häufiger in Armut als Männer. Viele von ihnen haben Angehörige gepflegt, sich um Familienarbeit gekümmert und wurden für diese gesellschaftlich notwendige Arbeit nicht bezahlt. Gleichzeitig bekommen sie für gleichwertige Arbeit weniger Geld und sind in entscheidenden Funktionen in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft weniger vertreten. Hier muss die Politik dem Lohnabstand zwischen den Geschlechtern, der 2015 in NRW 22% betrug, entgegenwirken. Zumeist sind es Frauen, die durch Familienarbeit, durch Teilzeit- und Minijobs später nur eine Armutsrente erhalten und im Alter angewiesen sind auf zusätzliche Leistungen. Darüber hinaus sind soziale Berufe rund um Erziehung, Pflege und Gesundheit im Schnitt deutlich weniger entlohnt als technische Berufe. Neben den Forderungen der IG BAU, die richtig und wichtig sind, müssen soziale, pflegerische und Erziehungsberufe aufgewertet werden und ein Entgeltgleichheitsgesetz für den öffentlichen Dienst auf den Weg gebracht werden, um so auch der Altersarmut vorzubeugen.

 

Ein KlarKlick von Cigdem Kaya, Politikwissenschaftlerin aus Dinslaken

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