Erhöhen gemeinsam den Frauenanteil im Elektro- und Anlagemechaniker-Handwerk: v. l. Stifter Frithjof Strott, Geschäftsführer Michael Treffurth (Leo Krelke & Sohn GmbH & Co. KG.), die angehende Elektronikerin Christine-Marie Bülten, Betriebsinhaber Frank Stroezel (Zeitdienst Walter Sorge e. K.), die angehende Anlagenmechanikerin Laura Giesler und Kreishandwerksmeister Martin van Beek in der SHK-Werkstatt im Essener Haus des Handwerks (Foto: Joachim Hänisch)
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Essen. Hemmungen, in einem vermeintlichen Männerberuf anzufangen, hatten Christine-Marie Bülten (18) und Laura Giesler (22) nicht, sagen sie. Bülten hat im August eine Lehre zur Elektronikerin in der Firma Zeitdienst Walter Sorge, Giesler eine zur Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) in dem Kettwiger Innungsbetrieb Leo Krelke & Sohn GmbH& Co KG begonnen – zwei Berufe in denen normalerweise sehr selten Frauen anzutreffen sind (< 5 %). Ihre Ausbildung und die von einer weiteren jungen Frau – Sara Supanun Scholl erlernt ebenfalls das Elektro-Handwerk in dem Betrieb Schwalvenberg Elektrotechnik GmbH & Co KG – unterstützt die Kreishandwerkerschaft mit Geldern der erst 2019 gegründeten Frithjof-Strott-Stiftung. 50 Prozent der Ausbildungskosten, also im Schnitt etwa 6000 Euro pro Azubi und Jahr, überweist die lokale Handwerksorganisation nun erstmals an die drei Ausbildungsbetriebe, die allerdings Mitglied der jeweiligen Handwerksinnung sein müssen.

„Viele Gewerke suchen händeringend geeignete Lehrlinge“, sagte Kreishandwerksmeister Martin van Beek bei einem Treffen mit den Betriebsinhabern, ihren Auszubildenden und dem Stifter in der Essener Kreishandwerkerschaft. Frauen seien mittlerweile sogar oft die leistungsstärkeren Kandidaten. „Wir beobachten zudem einen disziplinierenden Effekt auf die männlichen Azubis, wenn die eine oder andere Frau in der Berufsschulklasse ist“, so der Vertreter des lokalen Innungshandwerks, das in der Kreishandwerkerschaft organisiert ist. Insbesondere in den Bau- und Ausbaugewerken gebe es jedoch fast überhaupt keine Frauen. „Deswegen haben wir uns entschlossen, Betriebe zu unterstützen, die vorangehen“, so van Beek, der selbst einen SHK-Betrieb führt.

Dauerhaft Gutes tun

Die Unterstützung möglich gemacht hat Stifter Frithjof Strott. „Ich wollte dauerhaft etwas Gutes mit meinen Geld bewirken“, sagt der kinderlose 79-jährige, der bereits einen Teil seines Vermögens in die Stiftung eingezahlt hat. Von seinen Handwerkern hatte der Immobilienbesitzer immer wieder Klagen über den fehlenden Nachwuchs gehört. „Zugleich habe ich immer wieder gut qualifizierte junge Menschen getroffen, die ihr Studium abgebrochen und als ungelernte Lagerarbeiter oder Auslieferer arbeiteten, weil sie Geld verdienen mussten. Diese Menschen sind für eine qualifizierte Tätigkeit oft dauerhaft verloren“, so der gelernte Schlosser und Diplom-Ingenieur für Wirtschaft und Technik.

Einig war sich die Runde in der Kreishandwerkerschaft, dass eine handwerkliche Ausbildung eine solide Basis für die berufliche Karriere mit allen Möglichkeiten darstellt und auch ein späteres Studium keineswegs ausschließt. „Wir brauchen dringend Übernehmer“, so Kreishandwerks-meister Martin van Beek. „Viele Betriebsinhaber aus der Babyboomer-Generation gehen aktuell in Rente oder würden es gerne. Sie finden aber oft keine Nachfolger.“ Eine Perspektive durchaus auch für gut qualifizierte Frauen.

Imagewandel im Handwerk nötig

„Das Handwerk hat sich gewandelt“, ergänzte Michael Treffurth, Geschäftsführer des SHK-Betriebs Leo Krelke & Sohn GmbH & Co. KG. „Wir haben Gewicht gegen Geschwindigkeit getauscht. Fachwissen ist wichtiger geworden. Wir müssen das Fäustel- und Meißel-Image ein Stück weit loswerden.“ Mit Laura Giesler hat er gerade seine erste weibliche Auszubildende eingestellt und kommt damit in den Genuss der Förderung. „Das ist eine gute Unterstützung, denn eine Ausbildung ist immer zunächst eine unsichere Investition, von der man nicht weiß, ob sie sich irgendwann auszahlt.“ Bei Laura Giesler ist er jedoch guter Dinge. „Zwischen uns passt keine Briefmarke“, sagte der Betriebsinhaber bei dem Treffen gut gelaunt.

Die 22-Jährige hatte zunächst als Altenpflegerin gearbeitet, sich durch ihren Freund, der bereits seit fünf Jahren Anlagemechaniker SHK ist, aber zunehmend für dessen Beruf begeistert. Ein Praktikum brachte Gewissheit. So auch bei Christine-Marie Bülten. Sie kam über ihren Bruder mit dem Elektroniker-Beruf in Kontakt. „Ich habe ein Motorrad, das ständig kaputt ist. Beim Schrauben habe ich gemerkt, dass mir Handwerk grundsätzlich liegt,“ sagt die 18-jährige Essenerin. So brach sie die Schule nach der 11. Klasse ab. „Wozu brauche ich Abitur, wenn ich nicht studieren will? Dann lieber was machen, was mich interessiert, und Geld verdienen.“

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