(Foto: privat)
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Moers/Viersen/Grefrath. Sinje Dahmen und Stephanie Jahrke sind zwei völlig unterschiedliche Frauen und führen zwei ganz unterschiedliche Leben. Und doch haben sie eins gemeinsam. Sie arbeiten in technischen Handwerksberufen und sie haben sich bei den Soroptimistinnen vom SI-Club Moers-Niederrhein um ein Stipendium für die Meisterschule beworben.

Der SI-Club Moers-Niederrhein möchte mit seinem Projekt „Bald Meisterin? Wir unterstützen Sie!“ junge Frauen und Mädchen vom Niederrhein in technischen Handwerksberufen fördern, ihnen zugleich aber auch die Chancen aufzeigen, die im Handwerk liegen. Die finanzielle Unterstützung ist für die Beschaffung von Lernmitteln für die Meisterinnen-Fortbildung bestimmt.

Zusammen mit der Handwerkskammer Düsseldorf wurden jetzt zwei engagierte junge Frauen gefunden, die als Vorbild für andere Frauen stehen und diese motivieren könnten. Ein gutes Beispiel dafür ist die 24jährige Sinje Dahmen aus Viersen. Sie sagt: „Man muss die Chancen ergreifen, die einem ermöglicht werden.“

Nach dem Abitur mit 18 war Sinje Dahmen zunächst unschlüssig, wie es mit ihrem Leben weitergehen sollte. Ein Studium auf Lehramt, bei der Polizei oder im Sozialwesen—das konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Deshalb ging sie erst einmal auf Reisen. Neun Monate Australien, Bali, Kambodscha und die Philippinen, finanziert durch harte, schlecht bezahlte Aushilfsjobs. Sie lernte dabei viel über sich selbst und das Leben: vor allem, dass man nicht immer und unbedingt die allgemein gültigen Normen erfüllen muss.

Zurück in Deutschland ging sie deshalb nicht, wie es von ihr erwartet wurde, studieren, sondern begann eine Ausbildung. Sie wollte etwas tun, was sie begeistert und mit Leidenschaft erfüllt und kam auf Denkmalpflege. Durch einen glücklichen Zufall fand sie einen Maurermeister und Restaurator im Handwerk, der sie zur Maurerin ausbildete.

Damals war ihr absolut noch nicht bewusst, worauf sie sich als junge Frau in einem Handwerksberuf einließ. Doch bereits am ersten Berufsschultag holte sie die Realität ein. Denn schon beim Betreten der Klasse zeigte sich, dass sie „allein unter Männern“ war, und der Lehrer wies sie auch gleich daraufhin, dass sie sich wohl im Gebäude geirrt hätte, die Sozialwesen-Klasse sei woanders.

Sinje Dahmen ließ sich nicht beirren. Sie hatte sich entschieden, den Schritt in eine von Männern dominierte Domäne zu wagen und gegen Vorurteile und antiquierte Rollenbilder anzutreten. Dabei merkte sie schnell, dass nichts so heiß gegessen wird wie es gekocht ist. Viele Handwerke fordern zwar körperliche Arbeit, im Gegensatz zu früher hat sich jedoch einiges geändert.

Da immer weniger Menschen im Baugewerbe arbeiten wollen, wird in guten Betrieben mittlerweile sehr auf die Gesundheit der Mitarbeiter und die Erhaltung ihrer Arbeitskraft geachtet. Das hat auch Sinje Dahmen so erlebt. Sie musste noch nie einen 5o kg schweren Zementsack auf den eigenen Schultern in den vierten Stock hinauftragen.

Gefragt sind ganz andere Fähigkeiten: Vorstellungs- und Umsetzungsvermögen, aber auch Engagement und soziale Kompetenz im Umgang miteinander. Für Frauen, die in einem technischen Handwerksberuf arbeiten möchten, gibt es also genügend Möglichkeiten.

Sinje Dahmen hat diese Möglichkeiten erkannt und die Chancen, die ihr ermöglicht wurden, dankbar angenommen. Nach ihrer Ausbildung begann die 24-Jährige im letzten Jahr bei der Handwerkskammer Düsseldorf die Meisterschule. Ihr Ziel: Soviel Wissen wie möglich zu erwerben um eine gute „Maurer-und Betonmeisterin“ zu werden. Möglicherweise wird sie sich irgendwann auch selbständig machen und als Restauratorin arbeiten. Aber das ist Zukunftsmusik.

Die 36jährige Stephanie Jahrke aus Grefrath ist schon einen Schritt weiter. Seit einer Woche ist sie nun Meisterin im Maler-und Lackiererhandwerk und wird in Zukunft den Malerbetrieb ihres Vaters übernehmen. Die alleinerziehende Mutter eines siebenjährigen Sohnes hat hart dafür gekämpft und ist stolz darauf, was sie bisher erreicht hat.

Den eigenen Malerbetrieb führt ihre Familie nun schon in der dritten Generation und so lag es auch für Stephanie Jahrke nahe, dort eine Ausbildung zu machen und erste Erfahrungen als Gesellin zu sammeln.

Um ihre Produktkenntnisse zu erweitern, arbeitete sie danach in einem Baufachmarkt und wurde bald zur Abteilungsleiterin. Wer aber einen Betrieb führen will, braucht auch kaufmännische Kenntnisse, und die erwarb Stephanie Jahrke als Assistentin der Geschäftsleitung bei einem Sonnenschutzhersteller. Die nächsten Schritte waren ein Job als Vorstandsassistentin bei der Maler-Einkaufs-Genossenschaft und eine Weiterbildung zur Industriekauffrau bei der Deutschen Angestellten Akademie.

All diese Erfahrungen bestärkten Stephanie Jahrke in ihrem Wunsch, sich selbständig zu machen. „Ich habe festgestellt, dass in mir mehr steckt als nur eine Assistentin!“

Sie besaß eine fundierte kaufmännische Ausbildung, aber auch die nötige Kreativität, die man für das Malerhandwerk braucht. Was lag also näher, als den letzten Schritt auch noch zu gehen und sich zur Meisterschule anzumelden. Ihr großes Vorbild war immer ihr Vater, der seit 30 Jahren erfolgreich den familieneigenen Malerbetrieb führt.

„Der Wille kann Berge versetzen.“ Nach diesem Motto geht Stephanie Jahrke ihren Weg. Sie möchte zeigen, dass eine Frau im Handwerk genauso stark sein kann wie ein Mann. Sie möchte selbst Fachkräfte ausbilden, die im Handwerk so dringend gebraucht werden. Und ihr liegt viel daran mitzuhelfen, dass dem Handwerk wieder die Wertschätzung entgegengebracht wird, die es verdient hat.

Für die Soroptimistinnen des SI-Clubs Moers-Niederrhein sind Sinje Dahmen und Stephanie Jahrke „Identifikationsfiguren“,  die Anderen Mut machen können. Deshalb bekamen sie jetzt in einer kleinen Feierstunde von der Präsidentin des Clubs, Eva Thul, ihre Stipendien überreicht. Sinje Dahmen wird mit  544,30 Euro und Stephanie Jahrke  mit 1900,– Euro gefördert.

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