Olaf Meier, Leiter der ökumenischen Telefonseelsorge Duisburg Mülheim Oberhausen (Foto: Melina Lucht)
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Duisburg/Mülheim/Oberhausen. Klientel der Anrufer bei ökumenischer Telefonseelsorge hat sich mit der Pandemie verändert

Das Team der ökumenischen Telefonseelsorge Duisburg Mülheim Oberhausen hat in diesem Jahr hautnah miterlebt, wie sehr die Pandemie die Menschen verunsichert. Ängste und Einsamkeit werden häufiger thematisiert als vor Corona, heißt es in einem Bericht der Telefonseelsorge. Das gelte vor allem auch für all jene, die in diesem Jahr zum ersten Mal angerufen haben, weil sie um ihr wirtschaftliches Überleben in dieser Zeit fürchten und nicht mehr weiterwissen. „Solche Ängste könnten im weiteren Verlauf der Pandemie noch stärker in den Vordergrund vieler Gespräche rücken.” Das prognostiziert Telefonseelsorge-Leiter Olaf Meier auch in Bezug auf die zu erwartenden Anrufe an den Festtagen.

„Corona macht die Menschen mürbe. Viele fragen sich: Wie lange halte ich noch durch? Kräftemäßig, aber auch wirtschaftlich. Wann geht mir die Puste aus?“, berichtet Meier aus der täglichen Arbeit. Das gelte umso mehr für Menschen, die seelisch angeschlagen sind. „Wer zum Beispiel unter Depressionen oder Ängsten leidet, der erlebt die Pandemie häufig als Problemverstärker in bereits sowieso schwierigen Lebenslagen“, weiß Olaf Meier. Wenn dann auch noch die emotionale Belastung durch die Feiertage und den Jahreswechsel dazu kommt, kann Corona zum Brennglas für Lebenskrisen werden.

Einsamkeit häufigster Anlass für Anrufe an den Feiertagen

Einsamkeit ist einer der häufigsten Anlässe, warum Menschen sich zu Weihnachten und zum Jahreswechsel an die Telefonseelsorge wenden. Das war schon immer so. Und das dürfte im Coronajahr 2020 mit seinen Abstandsregeln und Einschränkungen des sozialen Miteinanders nicht anders sein. Ob es aber tatsächlich − wie von vielen befürchtet − zu Weihnachten noch mehr Menschen geben wird, die sich Hilfe suchend an die Telefonseelsorge wenden werden, das kann niemand sagen. „Vielleicht werden mehr Menschen als sonst Trost und Zuspruch benötigen, vielleicht sind es aber auch weniger.“ Beides könnte sich Olaf Meier gut vorstellen. Denn der eklatante Wandel im Kommunikationsverhalten der Menschen im letzten halben Jahr von analog auf digital könne ja vielleicht in den Familien dazu führen, auch Kontakt zu jenen Menschen aufzunehmen, an die in anderen Jahren niemand gedacht hätte, so Meiers Spekulation. Kann ja sein…

Mehr Krisengespräche an Silvester als an Weihnachten?

Vielleicht wird es aber auch so sein, wie jedes Jahr: Die Telefonseelsorge erreichen an Weihnachten ähnlich viele Anrufe wie sonst auch und die Mitarbeitenden erleben – ebenfalls wie in jedem Jahr – einen deutlich höheren Gesprächsbedarf zum Jahreswechsel. Denn, so Olaf Meier, „nicht Weihnachten ist für viele das Problem, sondern Silvester. Dann treten nach unserer Erfahrung zwei Phänomene auf: Viele Alleinlebende, die zu Weihnachten noch im Kreis der Familie aufgehoben waren, fallen an Silvester zurück in ihre Einsamkeit. Das zweite Phänomen ist die Häufung existenzieller Bilanzgespräche, die uns in dieser Zeit herausfordert.“

Diese Beobachtung bestätigt auch eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Telefonseelsorge. „Gerade Silvester rufen vermehrt Menschen bei uns an, die auf einmal ihr ganzes Leben auf den Prüfstand stellen. Auslöser sind in diesen Fällen häufig familiäre Krisen und Streitigkeiten, die an den Weihnachtsfeiertagen an die Oberfläche gespült worden sind oder das Erlebnis schier hoffnungsloser Einsamkeit, das die Menschen an diesem Tag überfällt“, berichtet die Mitarbeiterin von ihren Erfahrungen.

Auf das Team der Telefonseelsorge ist Verlass

Vier Stunden dauert so ein Dienst in der Telefonseelsorge – auch an den Feiertagen. Selbst in den Abend- und Nachtstunden von Heiligabend werden zwei Telefone besetzt sein. „Für mich gehört dieser Dienst selbstverständlich zum Weihnachtsfest dazu“, erklärt hierzu die Ehrenamtliche. Diese vier Stunden nehme sie sich gerne Zeit für die Sorgen und Nöte der Menschen, denen das Weihnachtsfest nicht zur Freude, sondern zur Last zu werden drohe. Gleiches gelte selbstverständlich auch für die Tage zwischen den Jahren und den Jahreswechsel.

Auf das Team der Telefonseelsorge Duisburg Mülheim Oberhausen kann Olaf Meier sich uneingeschränkt verlassen. „Bei uns ist coronabedingt bislang kein einziger Dienst ausgefallen. Die Telefone waren immer rund um die Uhr besetzt“, freut sich Olaf Meier. Und das, obwohl auch bei der Telefonseelsorge von den 120 Ehrenamtlichen 20 Mitarbeiter aus Sorge um ihre Gesundheit derzeit auf Einsätze verzichten müssen. „Andere haben die Lücken sofort wieder gefüllt, indem sie mehr Dienste übernommen haben“, erklärt Meier.

 

Die TelefonSeelsorge Duisburg Mülheim Oberhausen
Die TelefonSeelsorge Duisburg Mülheim Oberhausen mit ihren rd. 130 ehrenamtlichen Mitarbeitenden wird ausschließlich aus zweckgebundenen Mitteln der evangelischen und katholischen Kirche finanziert. Sie ist eine von 105 TelefonSeelsorgestellen in Deutschland, die nach sehr ähnlichen Standards arbeiten. Hierzu gehören Anonymität, 24-Stunden-Präsenz, Wertschätzung, „zugewandtes Zuhören“ und eine „Beziehungsgestaltung auf Ohrenhöhe“.

Anrufe unter den Rufnummern 0800 1110111 und 0800 1110222 sind anonym, vertraulich und kostenfrei. Die Deutsche Telekom trägt alle Anrufkosten. Im Bereich Duisburg, Oberhausen und Mülheim werden jährlich mehr als 13.000 Beratungsgespräche geführt. Über 60 % der Anrufer leben allein.

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