(Foto: privat)
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Mönchengladbach. “Wir müssen mit den Augen arbeiten”

Na ja, meint sie, eine Geburt unter Coronabedingungen ist schon ungewöhnlich: „Wir können ja nur mit den Augen arbeiten. Der aufmunternde Blick muss das derzeit auch das spontane Gefühl ersetzen, die Frau auch einmal in den Arm zu nehmen.“ Claudia Moll ist neben Kamila Moll, mit der sie „großartig zusammenarbeitet“, eine der beiden Leitenden Hebammen in der Mutter-Kind-Klinik des Eli. Angst vor dem Virus hat die 53-Jährige nicht, aber Respekt: „Die Frauen tragen unter der Geburt keinen Mundschutz, das ist ihnen einfach nicht zumutbar.“

Alle Frauen werden mit einem Schnelltest aufgenommen, genauso auch die Väter, wenn sie in den Kreißsaal gehen. Sollte eine Gebärende positiv getestet sein, tragen alle Beteiligten neben den isolierenden Kittel auch Mundschutz, Visier und Handschuhe: „Das Neugeborene verbleibt auf jeden Fall bei der Mutter, wenn es ihm gut geht.“

Die Hebammen selbst werden einmal die Woche getestet. In den vergangenen Monaten sei ein gewisse Gewöhnung an die latente Gefahr einer Infizierung eingetreten, hat Claudia Moll auch bei ihren Kolleginnen festgestellt: „wobei die Sorge natürlich bleibt.“ Dabei gehe es nicht nur um die eigene Person, sondern darum, „dass wir alle auf unsere Angehörigen gucken, weil wir zuhause niemanden anstecken oder uns nicht anstecken wollen.“

Auf Claudia Molls PC-Bildschirm ist die aktuelle Monatsplanung zu sehen, aus der Entfernung wie ein buntes Mosaik. Sie braucht etwa 25 Stunden für Planung der Dienste: „Es gehört für mich zur Wertschätzung meiner Kolleginnen, dass ich nach Möglichkeit auf alle Wünsche eingehe. Einige haben zuhause kleine Kinder, einige können oder wollen aus anderen Gründen nur an bestimmten Tagen arbeiten. Wieder andere Hebammen sind auch noch in die verschiedenen Kurse der Elternschule eingebunden. Wir haben ja viele Teilzeitkräfte. Und alle gehören dazu, ein wirklich tolles Team.“ Sie nickt nachdrücklich: „So lässt sich eine Krise wie zum Beispiel die Pandemie leichter meistern.“

Insgesamt gelte es mehr als 50 Frauen unter einen Hut zu bekommen: „Mein persönlicher Ehrgeiz ist es, dass alles rund läuft und jede möglichst so arbeiten kann wie sie es möchte.“ In diesen schwierigen Zeiten komme hinzu, „dass ich schwangere Kolleginnen, anders als sonst, eher ins Beschäftigungsverbot schicke.“

Am Eli gibt es in den acht Kreißsälen im Durchschnitt täglich acht bis neun Geburten. Claudia Moll ist daher froh, dass neben den Hebammen und den Krankenschwestern auch jeweils eine Servicekraft im Früh-, bzw. Spätdienst vor Ort ist: „Sie sind ein Segen, denn die Servicekräfte halten uns den Rücken frei. Sie säubern die Kreißsäle, kümmern sich um die Materialbestellungen, den Sterilisator, füllen die Kreißsäle wieder auf, usw.“

Seit gut eineinhalb Jahren hat Claudia Moll die Stelle der Leitenden Hebamme inne, Am Eli ist sie schon nahezu dreißig Jahre. Und sie kommt noch jeden Tag gerne zur Arbeit. Die Begeisterung für den Hebammenberuf hat nicht nur dazu geführt, dass auch ihre Tochter als Hebamme arbeitet („ein Praktikum hier hat sie neugierig gemacht“), Claudia Moll studiert „nebenbei“ Hebammenkunde an der Katholischen Fachhochschule in Köln, ebenfalls seit 2019. Gerade geht es auf den Bachelor zu. Das Thema „Selbstbestimmung der Gebärenden“.

Die zweifache Mutter überlegt nicht lange: das Reizvolle an ihrem Job sei das interdisziplinäre Arbeiten aus den verschiedenen Perspektiven. Dabei war ihr die Leitung nicht eben in die Wiege gelegt worden, bekennt sie. Allerdings hätten personelle Umstrukturierungen in der Klinik schließlich dazu geführt, dass sie „da quasi reingerutscht“ ist. Um in ihre Arbeit mit größtmöglicher Professionalität zu arbeiten, nimmt sie derzeit auch noch an einem rund einjähriges Coaching für Führungskräfte: „Das ist sehr schön, dass das Haus mir das ermöglicht.“

Die Stelle als Leitende Hebamme und dann auch noch das Studium: das kam ungeplant alles auf einmal. Und es war ihre Tochter, die ihr mit einem simplen Satz die Unsicherheit ausgetrieben hat, ob sie das auch alles schafft: „Mach doch einfach, hat sie gesagt.“

Und seither macht sie. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Becher mit der Aufschrift: Hebamme mit Herz.

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