In der Getränkeabteilung beim Rewe-Markt Rippers in Grevenbroich-Kapellen (v.l.): Cornelia Zabret (Projektleiterin BFZ Schlicherum), Marktleiter Jürgen Sorgalla und Carsten Rath (Foto: BFZ Schlicherum)

Neuss/Kaarst/Grevenbroich. Kooperatives Ausbildungsmodell beim BFZ Schlicherum

Zwei junge Männer haben einen neuen Arbeitsplatz. Nichts Besonderes? Bei Carsten Rath (27 Jahre) und Tom Streicher (26) schon. Rath hatte nur einen Förderschulabschluss, Streicher stand nach der achten Klasse ganz ohne Abschluss da. Schlechter konnten die Voraussetzungen für den Start ins Berufsleben kaum sein – doch die beiden haben den eigenen „inneren Schweinhund“ und viele Widerstände überwunden und ihren Weg gemacht. Carsten Rath arbeitet derzeit im Rewe-Markt Rippers in Grevenbroich, Tom Streicher in der Friedhofsgärtnerei Gilges in Kaarst. Möglich war das nicht zuletzt dank eines kooperativen Ausbildungsmodells, das von der Bundesagentur für Arbeit entwickelt wurde und in deren Auftrag vom Berufsförderungszentrum (BFZ) Schlicherum umgesetzt wird.

Die Maßnahme eröffnet behinderten Menschen mit Förderbedarf die Chance auf eine Ausbildung, erläutert Projektleiterin Cornelia Zabret vom BFZ Schlicherum. Dabei geht es um eine etwas vereinfachte, zwei- oder dreijährige Ausbildung, die eine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt schlägt. Den fachpraktischen Teil der Ausbildung übernehmen Kooperationspartner, wie zum Beispiel Rewe Rippers oder die Friedhofsgärtnerei Gilges, an zwei bis drei Tagen pro Woche. Ein bis zwei Tage sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Berufsschule und an einem Wochentag im BFZ Schlicherum, wo im Stütz- und Förderunterricht gezielt individuelle Defizite der Maßnahmenteilnehmenden aufgearbeitet werden. Zudem bietet das BFZ eine intensive sozialpädagogische Begleitung.

„Die Unterstützung durch das BFZ war top“, schwärmt Tom Streicher. Er hat zwischenzeitlich den Hauptschulabschluss nachgeholt und 2020 seine Ausbildung zum Werker im Gartenbau mit der Note Eins absolviert. Sein Beispiel zeigt, was mit Willen, Fleiß, Ehrgeiz und sehr guter Förderung möglich ist. Streicher ist Legastheniker, er hat Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. „Das ist sehr viel besser geworden“, betont er. Norbert Gilges kann das bestätigen – und nicht nur das. Der Geschäftsführer der Friedhofsgärtnerei Gilges in Kaarst ist voll des Lobes über Streicher: „Er hat eine tolle Entwicklung gemacht. Anfangs war er sehr unsicher und zurückhaltend. Aber das ist von Tag zu besser geworden. Was er leistet, hat schon heute das Niveau eines Gesellen und nicht eines Lehrlings.“ Nicht von ungefähr hat Gilges gerne zugestimmt, als sein Schützling ihn fragte, ob er nach der erfolgreichen Werker-Ausbildung nicht noch eine Vollausbildung zum Friedhofsgärtner draufsatteln könne. Die wird Streicher, wenn alles glatt geht, im nächsten Jahr abschließen – spätere Übernahme sehr wahrscheinlich, stellt Norbert Gilges ihm in Aussicht.

Eine ähnlich bemerkenswerte Entwicklung hat Carsten Rath hinter sich. Der 27-Jährige hat inzwischen ebenfalls einen Hauptschulabschluss in der Tasche und seine Ausbildung zum Fachpraktiker im Verkauf bei Rewe Rippers in Grevenbroich nicht nur erfolgreich, sondern mit Bravour bestanden. Rath schnitt mit „sehr gut“ ab und wurde von der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein zur Ehrung der besten Auszubildenden 2020 eingeladen. Das ist umso beeindruckender, da Rath ebenfalls eine Lernbehinderung hat, er leidet unter Dyskalkulie. Auch dank intensiver Förderung im BFZ Schlicherum konnte er seine Rechenschwäche erheblich verringern und sich in anderen Bereichen ebenfalls deutlich verbessern. Am Ende stand sogar in Mathe eine Eins im Abschlusszeugnis. „Da habe ich mich selbst überrascht“, erinnert sich Rath mit einem Schmunzeln. „Für die Unterstützung, die ich im BFZ Schlicherum bekommen habe, bin ich sehr dankbar.“

Bei Rewe Rippers ist er inzwischen übernommen worden. Marktleiter Jürgen Sorgalla ist diese Entscheidung nicht schwergefallen. „Carsten hat bei uns eine sehr positive Entwicklung genommen. Er ist sehr wissbegierig, lernt schnell und hängt sich wirklich rein.“ Derzeit arbeitet er in der Getränkeabteilung, wo er, teilweise schon in Eigenverantwortung, für den kompletten Mehrweg- und Einwegbereich zuständig ist.

„Unser kooperatives Ausbildungsmodell ist eine Erfolgsgeschichte mit vielen Vätern“, hebt BFZ-Geschäftsführer Michael Stork hervor. „Die Bundesagentur für Arbeit, unsere Kooperationsbetriebe, die Berufsschulen und das BFZ Schlicherum bieten benachteiligten jungen Menschen eine Chance, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Um dieses Angebot ausbauen zu können, würden wir uns über weitere Kooperationsbetriebe freuen, die uns und die Jugendlichen auf diesem Weg begleiten.“

 


Das Berufsförderungszentrum Schlicherum e.V. widmet sich seit 1985 erfolgreich der Förderung benachteiligter Menschen. Im Fokus stehen insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene. Durch Berufsvorbereitung, Qualifizierung und Hilfen bei der Überwindung schwieriger Lebenslagen ermöglicht das BFZ Schlicherum die gesellschaftliche Integration und die (Wieder-)Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Die Maßnahmenteilnehmerinnen und -teilnehmer werden in sieben Berufsfeldern und in zehn eigenen Lehrwerkstätten in Theorie und Praxis auf eine Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt vorbereitet. Aktuell hält das BFZ Schlicherum rund 160 Teilnehmerplätze vor. Zu den Auftraggebern zählen u.a. die Bundesagentur für Arbeit, der Rhein-Kreis Neuss, das Jobcenter im Rhein-Kreis Neuss sowie verschiedene Ministerien auf Bundes- und Landesebene.

Beitrag drucken
Anzeigen