v.l. Mike Rexforth (Bürgermeister Schermbeck), Bodo Klimpel (Ratsvorsitzender Lippeverband und Landrat Kreis Recklinghausen), Prof. Dr. Uli Paetzel (Vorstandsvorsitzender Lippeverband), Ursula Heinen-Esser (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen), Günter Helbig (Erster stellvertretender Landrat Kreis Wesel) und Dr. Emanuel Grün (Technischer Vorstand Lippeverband) beim Spatenstich am Schermbecker Mühlenbach (Foto: © Rupert Oberhäuser / EGLV)

Schermbeck. Spatenstich mit NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser

Der Schermbecker Mühlenbach trifft bislang sehr gerade und mit einem steilen Gefälle auf die Lippe – keine guten Lebensbedingungen für Fische und andere Wasserbewohner. Die Passierbarkeit auch entgegen der Fließrichtung ist kaum möglich. Das ändert sich nun: Im Rahmen des Programms „Lebendige Lippe“ gestaltet der Lippeverband den Mündungsbereich im Auftrag des Landes NRW naturnah um und sorgt für Reisefreiheit. Umweltministerin Ursula Heinen-Esser kam heute (23. Juni) zum Spatenstich nach Schermbeck.

„Unsere Flüsse und Bäche sind wichtige Lebensräume für Menschen und Tiere und müssen wieder zu Lebensadern der Natur werden. Mit dem Programm ‚Lebendige Lippe‘ wollen wir diese notwendige ökologische Entwicklung unserer Gewässer, ihrer Ufer und Auen weiter vorantreiben“, sagte Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Ursula Heinen-Esser. Sie betonte, dass „Renaturierungen nicht nur Lebensräume schaffen, sondern Gewässer auch weniger anfällig für die Folgen von Belastungen des Klimawandels machen.“

Laufverlängerung um 270 Meter

„Der Artenreichtum in der Lippe hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht. Das liegt zum einen am technischen Ausbau unserer Kläranlagen, aber auch an baulichen Renaturierungsmaßnahmen, dank denen wir Fischen, Amphibien und seltenen Vögeln wieder einen Lebensraum bieten – diese Entwicklung erhoffen wir uns auch für den Mündungsbereich hier in Schermbeck“, so Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes. Heute trifft der Schermbecker Mühlenbach im steilen Gefälle auf die Lippe – eine Einbahnstraße für Fische. Durch die geplante Laufverlängerung von rund 270 Meter kann die Anbindung an die Lippe flacher und naturnäher gestaltet werden. Dazu verschiebt sich der Mündungsbereich rund 200 Meter weiter nach Westen.

Kaskaden-Becken gleichen Höhenunterschied aus

„Die neue Gewässertrasse muss einen Höhenunterschied von rund 2,60 Metern überwinden. Das werden wir durch das Gewässergefälle selbst, aber im Wesentlichen über zwei jeweils rund 32 Meter lange Sohlgleiten mit einer Absturzhöhe von jeweils einem Meter ausgleichen“, erklärte Dr. Emanuel Grün, Technischer Vorstand des Lippeverbandes. Dabei kommt eine besondere Technik zum Einsatz: Pro Sohlgleite werden zwölf Becken kaskadenartig miteinander verbunden. Jedes Becken ist zwei mal drei Meter groß. Schwimmen Fische die Mündung des Schermbecker Mühlenbachs hinauf, müssen sie die 15 cm breiten Schlitze zwischen den Becken ansteuern. Der Versatz reguliert die Strömung und schafft so Ruhezonen für die Fische. Außerdem können die Wasserbauer die Becken so tiefer anlegen, was Wasserbewohner wiederum effektiver vor Fressfeinden wie dem Kormoran schützt.

Wasserrahmenrichtlinie fordert guten Gewässerzustand

„Das alles mag nach viel Aufwand klingen. Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass wir mit solchen Maßnahmen, menschliche Eingriffe in die Natur und industrielle Belastungen rückgängig machen. Und wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis unsere Gewässer in dem guten Zustand sind, den die EU über die Wasserrahmenrichtlinie für alle Mitgliedsstaaten fordert“, erläuterte Bodo Klimpel, Ratsvorsitzender des Lippeverbandes.

So sieht es auch Mike Rexforth, Bürgermeister der Gemeinde Schermbeck: „Schermbeck ist geprägt von Wasser, der Mühlenbach findet sich sogar als Element in unserem Wappen wieder. Alle Maßnahmen, die unsere Gewässer aufwerten und zum ökologischen Artenreichtum beitragen, begrüßen wir ausdrücklich!“ Günter Helbig, erster stellvertretender Landrat des Kreis Wesel, pflichtete bei: „Als Genehmigungsbehörde hat der Kreis Wesel die Planung eng begleitet. Die Renaturierung wird sich positiv auf die Gesamtdurchgängigkeit der Gewässer auswirken – ein wichtiger Schritt zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie.“

Hochwasserschutz verbessert sich durch Auenfläche

Nicht nur die Sohlgleiten werden sich positiv auf die Artenvielfalt im Bach auswirken: Das Profil des Schermbecker Mühlenbachs wird teilweise aufgeweitet und mit Holzstämmen sogenanntem Totholz modelliert, um abwechslungsreiche Strukturen und wechselfeuchte Auenbereiche zu schaffen. Denn dort fühlen sich Insekten, Frösche, Lurche und Schnecken besonders wohl. Insgesamt fallen durch Sekundärauenherstellung und Gewässeraufweitungen rund 36.000 Kubikmeter Bodenmaterial an. In puncto Hochwasserschutz ein wichtiger Faktor, denn führt die Lippe mal „zu viel“ Wasser, kann sie sich in diesem Bereich gefahrlos ausbreiten. Die Arbeiten am Schermbecker Mühlenbach dauern voraussichtlich bis Frühjahr 2022.

Die Baukosten für die Gesamtmaßnahme belaufen sich auf circa 4,5 Mio. Euro.


Hintergrund

Das Programm “Lebendige Lippe”
Der Lippeverband übernimmt im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen neben der allgemeinen Pflicht der Gewässerunterhaltung auch die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie an der Lippe. Hierzu hat das Land im Jahre 2013 das Programm „Lebendige Lippe“ für seinen Zuständigkeitsbereich aufgelegt, das der Lippeverband umsetzt. Neben der Fortsetzung bestehender Projekte wurden mehrere neue Projekte begonnen. Der Zuständigkeitsbereich des Lippeverbandes erstreckt sich von Lippborg über rund 147 Kilometer Flusslauf bis zur Mündung in den Rhein bei Wesel und umfasst etwa 110 Quadratkilometer Auenfläche. Das übergeordnete Ziel des Programms „Lebendige Lippe“ ist die langfristige Verbesserung und Wiederherstellung eines intakten Fluss-Auen-Ökosystems mit einer Erhaltung und Entwicklung von fluss- und auentypischen Strukturen und Lebensgemeinschaften. Für das Landesgewässer Lippe werden zu 100 Prozent Landesmittel eingesetzt.

Anlagenbestand in Schermbeck

Der Lippeverband betreibt in Schermbeck eine Kläranlage und unterhält rund 7,6 Kilometer Wasserläufe. Er ist ein öffentlich-rechtliches Wasserwirtschaftsunternehmen, das effizient Aufgaben für das Gemeinwohl mit modernen Managementmethoden nachhaltig erbringt und als Leitidee des eigenen Handelns das Genossenschaftsprinzip lebt.

Seine Aufgaben sind in erster Linie die Abwasserentsorgung und -reinigung, Hochwasserschutz durch Deiche und Pumpwerke und die Gewässerunterhaltung und -entwicklung. Dazu gehört auch die ökologische Verbesserung technisch ausgebauter Nebenläufe. Darüber hinaus kümmert sich der Lippeverband in enger Abstimmung mit dem Land NRW um die Renaturierung der Lippe. Dem Lippeverband gehören zurzeit 155 Kommunen und Unternehmen als Mitglieder an, die mit ihren Beiträgen die Verbandsaufgaben finanzieren. www.eglv.de 

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