Katja Kleinebenne (Foto: Julia Lörcks/Caritasverband Kleve)
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Kreis Kleve. Katja Kleinebenne (59) ist Diplom-Psychologin und in der Erziehungsberatung des Caritasverbandes Kleve für die Themen „Sex“, sexuelle Übergriffe und Prävention zuständig. Ein Interview zum Schwerpunktthema.

 

Frau Kleinebenne, was ist sexualisierte Gewalt? Gibt es eine Definition?
Katja Kleinebenne Ja, die gibt es. Sexualisierte Gewalt ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einer Person gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Die Täter nutzen diese Unterlegenheit aus, um die eigenen sexuellen Bedürfnisse oder ihre Machtbedürfnisse zu befriedigen.

 

Welche Formen von sexualisierter Gewalt gibt es?
Katja Kleinebenne Man unterscheidet zwischen drei Formen von sexualisierter Gewalt. Das sind die Grenzverletzungen. Dabei handelt es sich um ein einmaliges oder gelegentliches unangemessenes Verhalten, das zumeist unbeabsichtigt geschieht. Ein sexueller Übergriff hingegen ist ein häufiges oder massives Hinwegsetzen über Grenzen. Sie geschehen bewusst und in der Regel nicht einmalig. Zuletzt gibt es noch die strafrechtlich relevanten Formen von sexualisierter Gewalt. Jene Handlungen, wo jeder weiß, das ist nicht richtig. Wobei der sexuelle Missbrauch die schlimmste Form der sexualisierten Gewalt ist.

 

Wer sind die Opfer?
Katja Kleinebenne Laut Kriminalstatistik sind zwei Drittel der Opfer Mädchen, ein Drittel sind Jungen. Jedes fünfte Mädchen und jeder zehnte bis zwölfte Junge ist betroffen. Mehr als die Hälfte der Opfer werden mehrmals missbraucht, teilweise über Jahre. Ein Drittel der Fälle beginnen vor dem zehnten Lebensjahr. In Deutschland kommen etwa 41 Fälle pro Tag zur Anzeige, wobei die Dunkelziffer natürlich viel höher liegt.

 

Wer sind die Täter? Und gibt es auch Täterinnen?
Katja Kleinebenne Überwiegend Jungen und Männer, die ihre Macht missbrauchen und ihre Bedürfnisse befriedigen. Täterinnen gibt es auch. Dabei handelt es sich meist um Mütter, die nicht hingeschaut haben. Um Co-Täterinnen oder Mitwisserinnen.

 

Wo findet überall sexualisierte Gewalt statt?
Katja Kleinebenne Überall. Es gibt nichts, wo Missbrauch nicht stattfindet. Im Elternhaus, in der Schule, bei Freunden, auf der Arbeit, drinnen, draußen. Wobei sich gezeigt hat: In den seltensten Fällen findet sexualisierte Gewalt draußen durch fremde Personen statt. Vielmehr ist es das familiäre Umfeld. Dort, wo man es sich eigentlich nicht vorstellen kann und mag.

 

Wie gehen die Täter vor?
Katja Kleinebenne Sehr strategisch. In erster Linie versuchen sie zu manipulieren. Nicht nur die Opfer, die Kinder und Jugendlichen, sondern auch die familiären Bezugspersonen. Aber auch Fachkräfte sind gegen Täterstrategien nicht gefeit.

 

Was kann man dagegen tun?
Katja Kleinebenne Wach sein und Gedanken zulassen. Bei sexualisierter Gewalt darf es keine Denk- und Redeverbote geben. Menschen müssen sich trauen, Dinge anzusprechen.

 

Und was tun im Fall X?
Katja Kleinebenne Das ist schwierig, pauschal zu beantworten. Im besten Fall spricht man erst einmal nur mit einer vertrauten Person und bespricht das weitere Vorgehen. Auch wir von der Beratungsstelle können erste Ansprechpartner sein, mit Rat und Tat zur Seite stehen und Hilfestellungen geben.

 

Kann man sich vor sexualisierter Gewalt schützen?
Katja Kleinebenne Nicht zu 100 Prozent. Aber man kann viel dafür tun, dass es nicht passiert. Und da ist die Aufklärung das A und O – beginnend im Kindergarten über die biologische Aufklärung in der Schule hinaus. Was machen Erwachsene? Was dürfen Erwachsene? Welche Rechte habe ich als Kind? Was muss ich tun, wenn es doch passiert? Ich habe mal eine junge Frau gefragt, wie man sie hätte schützen können. Sie antwortete mir: „Hätte ich mal gewusst, dass das nicht alle Väter machen.“ Solches Wissen muss von klein auf vermittelt werden. Das muss eine Selbstverständlichkeit werden.

 

Was kann oder muss ein Verband wie die Caritas Kleve tun?
Katja Kleinebenne Es muss vor allem klare Leitlinien für den Umgang mit Nähe und Distanz geben – sowohl nach innen als auch nach außen. Welche Haltung haben wir zu angemessenen und unangemessenen Umgangsformen? Wo finde ich Informationen, wer sind meine Ansprechpartner, wo meine Anlaufstellen? Gibt es ein Beschwerdemanagement? Auch sollten wir in unseren Einrichtungen, in unseren Familienzentren oder in der „Münze“, ein sexualpädagogisches Konzept vorhalten und stets wissen, wer für die Inhalte und für die Aufklärung zuständig ist.

 

Julia Lörcks von der Stabsstelle Kommunikation und Medien stellte die Fragen und fasste das Gespräch zusammen.

Zur Person: Katja Kleinebenne (59) aus Goch ist Diplom-Psychologin. Sie arbeitet seit 18 Jahren für den Caritasverband Kleve, in der Erziehungsberatung ist sie für die Themen Sexualität, sexuelle Übergriffe und Prävention zuständig.

 

InfoKlick: https://lokalklick.eu/2021/10/11/fachberatungsstelle-fuer-sexualisierte-gewalt/

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