Restaurator Thomas Lehmkuhl (links) hat das Epitaph wieder vervollständigt. In der Stiftskirche erklärte er Dr. Harald Korth und Jutta Tönnissen vom Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve sowie Propst Johannes Mecking seine Arbeitsschritte (Foto: Bischöfliche Pressestelle / Christian Breuer)

Kleve/Steinfurt. Freude über gelungene Restauration in Klever Stiftskirche

Es musste schnell gehen, als zum Ende des 2. Weltkrieges weite Teile der Stadt Kleve im Bombenhagel zerstört wurden. Jeder versuchte, sein Hab und Gut zu retten – auch aus den Kirchen sollten Kunstwerke in Sicherheit gebracht werden. Das gelang nicht immer, in der Klever Stiftskirche etwa gingen viele spätmittelalterliche Kunstschätze für immer verloren. Andere konnten zunächst gesichert werden, verschwanden dann aber in den Wirren der letzten Kriegstage.

So wie zwei Engel, die über Maria schweben und sie bekrönen wollen. Die beiden Engel gehören zu dem Epitaph – das ist eine Gedenktafel aus Kalksandstein mit figürlichen Darstellungen -, das an Balthasar Distelhuysen erinnert, der im frühen 16. Jahrhundert Arzt des Klever Herzogs war. Das Epitaph aus dem Jahre 1502 wird dem bedeutenden Bildhauer Dries Holthuys zugeschrieben und zählt zu den bedeutendsten Kunstschätzen der Stiftskirche. In den 1980er-Jahren wurde es restauriert, die beiden verlorenen Engel wurden durch Nachbildungen ersetzt.

Es ist der Frühherbst 2017, 72 Jahre nach Kriegsende, als die beiden Engel in einer Kunstauktion in Köln auftauchen. Der Kunstexperte Guido de Werd, lange Jahre Leiter des Museum Kurhaus Kleve, wird auf das Fragment des Epitaphs aufmerksam. Er setzt alle Hebel in Bewegung, damit es wieder an den Niederrhein zurückkommt. Unterstützt durch viel bürgerschaftliches Engagement, das Auktionshaus Lempertz und den „Freundeskreis Museum Kurhaus und Haus Koekkoek“ sowie Dr. Martina Dlugaiczyk aus der Abteilung Kunstpflege im Bischöflichen Generalvikariat Münster konnten die Engel schließlich zurück an die Stiftspfarrei Mariä Himmelfahrt vermittelt werden. Seither sind vier weitere Jahre vergangen, nun haben die Engel mit der Krone wieder ihren Platz über der Gottesmutter eingenommen.

Dass man ihnen die Strapazen ihrer jahrzehntelangen Reise nicht ansieht, ist dem Diplom-Restaurator Thomas Lehmkuhl aus Steinfurt und seinem Team zu verdanken. Zu einem Termin in der Stiftskirche hat Lehmkuhl Fotos mitgebracht, die zeigen, in welch traurigem Zustand das Kunstwerk war. „An einigen Stellen gab es Abstoßungen und Verfärbungen, weil die Figuren oft angefasst wurden. Die Flügel fehlten gänzlich und auch die Krone war stark zerstört“, erklärt der Fachmann. In enger Abstimmung mit dem Rheinischen Amt für Denkmalpflege und der Pfarrei wurden die Engel restauriert und einige zerstörte Stellen rekonstruiert. Auch neue Flügel haben die Engel bekommen, zuvor hatten die Restauratoren nach vergleichbaren Originalen gesucht, um eine möglichst authentische Nachbildung anfertigen zu können. Vor einigen Jahren wären solche Ergänzungen kaum denkbar gewesen, weiß Lehmkuhl, inzwischen gab es aber einen Meinungswandel. Dennoch: „Alles, was wir ergänzt haben, kann wieder rückgängig gemacht werden“, betont er. Bevor die Engel wieder fest im Epitaph verankert wurden, besserten die Restauratoren um Lehmkuhl noch weitere fehlerhafte Stellen in dem Kunstwerk aus, das nun in neuer Pracht im Altarraum des rechten Seitenschiffes betrachtet werden kann.

Erfreut über die Rückkehr ist Propst Johannes Mecking: „Es ist ein gutes Gefühl, wenn selbst so viele Jahre nach dem Kriegsende auf diese Weise Lücken gefüllt werden können, die der Krieg verursacht hat. Das hat einen heilenden Charakter“, erklärt er. Stellvertretend für alle Bürgerinnen und Bürger, die die Wiederbeschaffung ermöglicht haben, bedankt er sich bei Jutta Tönnissen, stellvertretende Vorsitzende des „Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve“: „Die große Hilfsbereitschaft beweist die enge Verbundenheit der Klever zur Stiftskirche. Dafür bin ich sehr dankbar.“

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