Sonja Clanzett vor Ihrer Station (Foto: St.-Clemens-Hospital)

Geldern. Die Pflege gehört zu den am stärksten belasteten Berufsgruppen in der Pandemie. Eine, die es wissen muss, ist Sonja Clanzett. Die Pflegekraft aus dem St.-Clemens-Hospital berichtet von ihrem Alltag

Die Zeit des öffentlichen Beifalls für die Pflege ist vorbei – Corona leider nicht. Nach wie vor hat uns die Pandemie im Griff. Und nach wie vor gehört die Pflege zu den am stärksten belasteten Berufsgruppen. Fehlt den Pflegenden der Applaus vom Anfang? „Nein“, ist sich Sonja Clanzett sicher. „Mir reicht es, wenn meine Patienten und ihre Angehörigen unsere Leistung wertschätzen und einfach Danke sagen.“

Die 25-jährige arbeitet auf der internistischen Station im St.-Clemens-Hospital – „mit Leib und Seele“, wie sie betont. Doch auch sie spürt die zunehmende Belastung. Vor allem jetzt, denn ihre Abteilung wurde zur Corona-Station umstrukturiert. Auf den sprunghaften Anstieg von Infizierten reagierte das Krankenhaus, indem es alle Corona-positiven Patientinnen und Patienten zusammenlegte.

Diese strikte Trennung von Isolier- und Regelstationen dient dem Infektionsschutz. „Für uns aber heißt es, noch mehr Zeit in notwendige Maßnahmen zu investieren. So führen wir vor jedem Patientenkontakt eine Desinfektion durch und legen Schutzkleidung an“, beschreibt Sonja Clanzett die herausfordernde Arbeit. Mit Maske und Visier, Haube, Kittel und Handschuhen geht sie dann ihren Pflegeaufgaben nach. Acht bis zehn Patienten betreut sie derzeit gemeinsam mit einer weiteren Pflegekraft pro Schicht. Manchmal unterstützt ein Auszubildender die examinierten Kräfte. Die Arbeit in voller Montur ist körperlich anstrengend, das ständige Umziehen kostet Zeit. Lieber würde sie die kostbaren Minuten ihren Patienten widmen.

„Mir fehlt die Nähe zu den Menschen“, gibt sie zu. Gerade jetzt benötigen Patienten viel Trost und Zuwendung, schließlich verbringen sie viel Zeit allein auf den Zimmern. Doch die Pflegerin darf sie nicht wie früher einfach mal in den Arm nehmen. Die Maske schafft zusätzlich Distanz. „Gerade Ältere leiden darunter. Ihr Gehör lässt nach und sie sind darauf angewiesen, Mimik und Lippenbewegungen für ihre Kommunikation zu nutzen“, weiß die Geldrianerin.

Aktuell ist die Station mit rund 25 Patientinnen und Patienten belegt. Nicht immer ist es das Corona-Virus, das die stationäre Versorgung erforderte. Die Aufnahme erfolgt wegen anderer Erkrankungen. Bei der Erstuntersuchung oder einem der regelmäßigen Tests während des stationären Aufenthalts wird das Virus nachgewiesen. Viele Patienten bleiben dann weit länger, als es ihr Gesundheitszustand erfordert. Denn Angehörige und Pflegedienste scheuen davor zurück, die Betreuung zu übernehmen, solange eine Ansteckungsgefahr gegeben ist. Die weitere Versorgung erfolgt im St.-Clemens-Hospital und wird nicht vergütet. Die Kosten muss das Krankenhaus tragen.

Den Vorwurf, dass das Hospital ein Pandemietreiber sei, weist Sonja Clanzett weit von sich. „Ich weiß, dass in einigen Fällen die Ansteckung während des Aufenthalts erfolgt ist. Aber ich weiß auch, dass wir Mitarbeitenden jede Vorsichtsmaßnahme umsetzen, um weder uns noch andere anzustecken.“ Infektionsherde vermutet sie eher im Patientenzimmer. „Leider erleben wir immer wieder, dass sich Besucher nicht an die Hygienevorschriften halten. Patienten werden umarmt, dabei wird die Maske abgelegt“, beschreibt die engagierte Pflegekraft das Dilemma. Auf diesem Wege sei es nachweislich zu verschiedenen Infektionen im Haus gekommen. So gefährden Besucher nicht nur die eigenen Angehörigen, sondern auch Mitpatienten im Zimmer. Weisen die Pflegekräfte dann auf die Maskenpflicht und das Abstandgebot hin, fühlen sich viele angegriffen.

„Ich verstehe das sogar“, sagt Sonja Clanzett. „Schließlich ist die Pandemie für jeden von uns belastend.“ Ihr Großvater verstarb im Frühsommer im St.-Clemens-Hospital. „Es war keine Covid-19-Infektion, dennoch konnten meine Familie und ich nicht so für ihn da sein, wie wir es uns gewünscht hätten“, erinnert sie sich. Seitdem kann sie nachempfinden, wie hilflos und manchmal auch wütend sich Angehörige durch die Besuchseinschränkungen fühlen. Gleichzeitig bittet sie um Verständnis: „Meine Kolleginnen, Kollegen und ich geben unser Bestes. Wir möchten alle Patienten gut versorgen, kommen aber auch an unsere Grenzen. Wenn nur ein Patient mehr Pflege braucht, zum Beispiel in einer Notfallsituation, haben wir weniger Zeit für alle anderen. Dann helfen keine Vorwürfe, sondern nur gegenseitiger Respekt und Verständnis.“

Und noch einen Wunsch hat die Gesundheits- und Krankenpflegerin: „Es wäre schön, wenn jeder darauf achtet, sich und andere vor Infektionen zu schützen, zum Beispiel durch Kontakteinschränkung und eine vollständige Impfung. Gemeinsam können wir die Herausforderung durch Corona meistern.“


Seit Beginn der Pandemie ändern sich die Vorgaben und Richtlinien für Krankenhäuser laufend. Prozesse, Strukturen und Hygienebestimmungen im St.-Clemens-Hospital müssen immer wieder neu an die aktuellen Bestimmungen und die Situation in der Region angepasst werden. Die meist kurzfristigen Änderungen bedeuten für Patienten, Angehörige und Mitarbeitende eine hohe zusätzliche Belastung. Die Anpassung betrifft unter anderem die Teststrategie des Hauses, die zuletzt verschärft wurde. Aktuell gilt:

Patienten mit Termin zur stationären Aufnahme werden etwa zwei Tage vorab mit einem PCR-Test abgestrichen. Am Tag der Aufnahme folgt ein Schnelltest. Bei Notfallpatienten wird vor der Verlegung auf die Station ein PCR-Schnelltest durchgeführt. Da Tests nur eine Momentaufnahme darstellen, werden Patienten auch während ihres stationären Aufenthalts 2-3 mal pro Woche getestet.
Ambulante Patientinnen und Patienten bringen zum Termin einen aktuellen Testnachweis, ausgestellt durch ein Bürgertestzentum und nicht älter als 24 Stunden, mit.

Auch für Mitarbeitende gibt es eine Testverpflichtung. Je nach Aufgabenbereich muss täglich bis zu einem 72-h-Intervall ein Corona-Test durchgeführt werden.

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