Erich und Lea Gottschalk mit Igal und Josef („Jossi“) im Jahre 1960 als sie nach Ahaus zogen (Foto: Stadt Ahaus)

Ahaus. Als junger Mann floh Erich Gottschalk, der in der Bahnhofstraße in Ahaus wohnte, vor den Gräueltaten der Nationalsozialisten und konnte über die Niederlande nach Palästina entkommen. Seine 67-jährige Mutter wurde im August/September 1942 deportiert und im Vernichtungslager Treblinka ermordet. An die Familie erinnert das Projekt „Stolpersteine NRW“ des WDR, an dem sich der VHS-Arbeitskreis Ahauser Geschichte 1933-1945 gemeinsam mit Stadtarchivar Max Pfeiffer beteiligt.

Erich Gottschalk mit Mutter Bertha und Vater Isaak (Foto: Stadt Ahaus)

Erich Gottschalk war der einzige Sohn des Viehhändlers Isaak Gottschalk (geb. 1856) und seiner  Frau Berta, geb. 1875 als Berta Metzger in Heiden. Berta brachte am 7. November 1915 mit 40 Jahren ihren Sohn Erich zur Welt – ihr Mann Isaak war da schon 59 Jahre alt. Die Familie wohnte in einem zweistöckigen Haus an der Bahnhofstraße 61, das heute nicht mehr steht. Noch bevor Hitler an die Macht kam, starb Erichs Vater 1932 mit 76 Jahren. Erich, der nach seiner Schulzeit auf der Bernskampschule (der Jungen-Volksschule in Ahaus) für kurze Zeit zu seiner Cousine Rosa Rosenthal und ihrem Mann, dem Viehhändler Siegfried Rosenthal, in Cloppenburg gezogen war, übernahm jetzt den Viehhandel seines Vaters mit den Bauern in Ahaus und Umgebung, bei denen er sich als 17-/18-Jähriger akzeptiert und wohl fühlte. Als der NS-Staat seine Geschäfte mit den Landwirten immer mehr erschwerte, stellten Erich Gottschalk und seine Mutter Berta 1937 einen Passantrag zur Ausreise aus Deutschland, die aber nicht zustande kam. In der Pogromnacht am 9./10. November 1938 wurde Erich schwer zusammengeschlagen, wovon er bis zu seinem Lebensende Rückenschmerzen hatte. Mit seinem Cousin Emil Gottschalk flüchtete er im November 1938 über die Grenze nach Holland, wo er vergeblich versuchte, seine Mutter nachkommen zu lassen. Während Berta Gottschalk zu Verwandten in ein Ghettohaus in Borken zog, im August/September 1942 nach Theresienstadt und kurz danach ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort im Alter von 67 Jahren ermordet wurde, schaffte es ihr Sohn Erich im Sommer 1939, auf einem Kohlenschiff nach Palästina (später Israel) zu entkommen. Erich fand in der Landwirtschaft eine Anstellung und heiratete in Tel Aviv die vier Jahre ältere, aus Warschau stammende Lea Bialostocka. Das Paar bekam zwei Söhne – die 1949 und 1951 geborenen Igal und Josef, genannt Jossi.

Als Erich 1959 im Zuge von „Wiedergutmachungs“-Verhandlungen in Ahaus war, begann er wieder als Viehhändler tätig zu werden. 1960 zogen auch seine Frau und die beiden Söhne nach Ahaus, für die er im Kusenhook ein Haus baute. Älteren Leuten ist der joviale, gesellige Erich Gottschalk heute noch wohlbekannt. Seine Söhne gingen in Ahaus zur Jungenvolksschule und absolvierten eine Lehre in Elektrotechnik. Igal heiratete eine Ahauserin, die zum Judentum übertrat, und zog mit ihr 1974 nach Kiryat-Gat in Israel, wo sie mehrere Kinder bekamen. Joseph/Jossi Gottschalk heiratete ebenfalls eine Nichtjüdin, mit der er zwei über 40-jährige Töchter hat – er wohnt in der Nähe von Gießen und hält Kontakt zu Lokalhistorikern in Ahaus, das er auch sehr häufig besucht. Als sein Vater Erich in Ahaus schwer erkrankte, zog er 1984 mit seiner Frau zu seinem Sohn Igal nach Israel. Am 30. Juni 1989 starb er mit 74 Jahren und ist in Kiryat-Gat begraben. Seine Frau Lea überlebte ihn um 14 Jahre und starb am 20. Oktober 2003 – sie wurde 92 Jahre alt. Erich Gottschalk war der einzige Jude, der nach der NS-Zeit wieder längere Zeit (24 Jahre) mit Familie in Ahaus wohnte. Die jüdische Familie Gottschalk existierte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Ahaus, wovon auch sieben Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof in Ahaus Zeugnis ablegen.

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