Die Ehrengäste, Bundestagspräsident Bärbel Bas und NRW-Kommunalministerin Ina Scharrenbach trugen sich zuvor ins Goldene Buch der Stadt ein (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof)
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Krefeld. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Kommunalministerin Ina Scharrenbach zu Gast

Mit feierlichem Ernst und fröhlicher Ausgelassenheit hat die Stadt Krefeld am Sonntag ihren 650. Geburtstag gefeiert. Mehr als 700 geladene Gäste kamen zum offiziellen Festakt in das Seidenweberhaus, wo Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, die sich zuvor ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hatte, die Festrede hielt. Kommunalministerin Ina Scharrenbach übermittelte die Grüße der NRW-Landesregierung. Im Anschluss ging die Feier im Stadttheater mit der Ballettaufführung „Seide – Band -Bandoneon” und in der Mediothek mit einem Chorkonzert des „Vocaal Ensemble Quint” aus Venlo und einem Ständchen der Delegation aus der englischen Partnerstadt Leicester weiter. Ihren krönenden Abschluss fand die Veranstaltung zu später Stunde auf dem Von-der-Leyen-Platz, wo die Festgäste gemeinsam das eindrucksvolle 3D-Videomapping zur Samt- und Seidengeschichte auf der Rathausfassade erlebten.

Robert Schumanns „Rheinische” Sinfonie

Der Festakt im Seidenweberhaus, moderiert vom ehemaligen WDR-Radiomoderator Tom Hegermann, begann mit lebhaften Klängen aus Robert Schumanns „Rheinischer” Sinfonie, gespielt von den Niederrheinischen Sinfonikern unter der Leitung von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson. Es folgte die Rede von Oberbürgermeister Frank Meyer, der Stadtgeschichte und Gegenwart unter dem Blickwinkel Wandel und Veränderung betrachtete. Die Zeitspanne von 650 Jahren erlaube es, eine historische Perspektive einzunehmen und das „ganz große Bild” zu betrachten: „Das erinnert uns daran, dass Bewahren zwar wichtig ist, aber kein Selbstzweck: Bewahren ist nicht immer möglich und nicht immer sinnvoll – schöne Erinnerungen allein sind kein hinreichender Grund, am Bewährten festzuhalten. Denn das besondere Merkmal von Städten, ist im Gegenteil ihre stetige Veränderung: In 650 Jahren gilt das unweigerlich, weil die Zeitenläufe über alles hinwegfegen – aber auch im kleineren Bild ist der Wandel unser fester Begleiter”, betonte der Oberbürgermeister.

Herausforderungen stellen

Die Wucht der Veränderung sei in diesen Zeiten besonders spürbar, weil jede Krise am Ende in der Kommunen ankomme: „Die abstrakten Phänomene von Pandemie, Migration, Krieg und Klimawandel erhalten hier ihre konkrete Form – der Gastronom, der sein Lokal nach Jahrzehnten schließen muss; das Unternehmen, das die Energiepreise nicht mehr stemmen kann und Beschäftigte vor die Tür setzt; der Flüchtling, der nur mit dem Nötigsten am Rathaus steht und Hilfe braucht; die alte Buche, die nach 100 Jahren eingeht, weil ihr Wasser fehlt. Diese Form von Veränderung macht uns Angst, weil sie so viel größer scheint als wir – doch wir haben keine Wahl: Wir müssen uns den Herausforderungen stellen und hier vor Ort Lösungen finden. Doch Veränderung ist immer auch eine Chance, dann nämlich, wenn wir sie gestalten können: In 650 Jahren war die Lage der Menschen in Krefeld oft verzweifelter, als wir uns heute vorzustellen vermögen – und doch stehen wir jetzt hier und begehen feierlich den Geburtstag unserer Stadt.”

Jubiläumsjahr mit vielfältigen Veranstaltungen

Wie der Oberbürgermeister weiter erklärte, habe gerade das Jubiläumsjahr mit seinen vielfältigen Veranstaltungen und experimentellen Formaten gezeigt, dass Veränderung möglich sei: „Das Jubiläum erlaubt uns, weit zurückzublicken und gerade dadurch für Gegenwart und Zukunft eine wichtige Erkenntnis zu gewinnen”, sagte Frank Meyer. „Ja, wir wollen das Krefelder Erbe bewahren, wo es geht, aber dabei nicht in bedingungslose Nostalgie verfallen; ja, wir wollen stolz auf Exponate aus 650 Jahren Geschichte hinweisen, aber dabei nicht die ganze Stadt in ein Museum verwandeln; wir wollen nicht bloße Konservatoren sein, sondern Gestalter, die das Gestern nutzen, um das Morgen für Krefeld zu formen.”

Kreativität, Innovationskraft und vor allem Offenheit

Dabei gehe es trotz allen Wandels auch darum, den Kern der Krefelder Identität zu bewahren: Kreativität, Innovationskraft und vor allem Offenheit: „Ich bin stolz, dass ich in einer Stadt lebe, die Heimat nicht als Enge empfindet, sondern als Weite, nicht als Ausgrenzung, sondern als Einladung: Ich blicke in Krefeld täglich in die Gesichter von Menschen, die zwar nicht hier geboren sind, aber in unserer Stadt längst ihr Zuhause gefunden haben – ob sie nun aus Leverkusen stammen oder aus Aleppo. Krefeld ist Heimat für viele, von Bockum bis zum Südbezirk, von Verberg bis Schicksbaum; Krefeld ist Linner Dorfgeselligkeit und das bunte Treiben am Südwall, Idyll und Urbanität; Krefeld ist Großmarkt und Stadtwald, Yayla-Arena und Elfrather See, Samtweberei und Hülser Berg, Grotenburg und Hospizlauf, Niepkuhlen und Zoo, Kufa und Kaiser-Wilhelm-Museum, Südbahnhof und Nordbahnhof, Smart City und Schluff, Burg Linn und Blauer Engel.”

Liebeserklärung an die eigene Stadt

Damit begann das Herzstück der Rede des Oberbürgermeister, die jetzt zu einer Art Liebeserklärung an die eigene Stadt wurde: „Krefeld kann improvisieren, als sei das Leben ein Jazzkonzert; Krefeld kann feiern, wenn andere Städte längst schlafen; Krefeld dröhnt und rattert wie ein alter Webstuhl, und doch hört man hier im allgegenwärtigen Grün Bienen summen und Vögel singen; Krefeld kann politisch streiten, ohne dadurch menschlich gleich alle Brücken abzubrechen; Krefeld meckert lustvoll über die eigene Stadt, würde aber nie woanders hinziehen; Krefeld fühlt sich gernegroß per Geburtsrecht und viel zu klein, wenn es verschämt nach Köln oder Düsseldorf blickt; Krefeld tut sich schwer mit den eigenen Stärken, ist aber stolz wie Bolle, wenn andere diese Stärken beim Namen nennen; Krefeld hadert und zaudert gern, doch Krefeld hält meistens zusammen, wenn’s drauf ankommt. Krefeld ist echt und ein bisschen eigensinnig. Krefeld ist rheinisch fröhlich und trotzdem bodenständig wie der ländliche Niederrhein. Krefeld hat Humor. Und Krefeld macht es Menschen leicht, anzukommen und zu bleiben. Krefeld ist der gute alte Dreiklang, unnachahmlich formuliert von Fritz Huhnen: Es gibt Gute, Böse und Krefelder – was auch immer das heißen soll.”

Aus voller Überzeugung Heimat nennen

Zum Abschluss der mit viel Applaus bedachten Ansprache blickte Frank Meyer mit den Augen seines verstorbenen Großvaters auf Krefeld. Richard Meyer wurde 1908 geboren, erlebte als Kind den Ersten Weltkrieg, erlernte den Beruf des Samtwebers, kam schwer kriegsversehrt aus dem Zweiten Weltkrieg nach Hause in seine zerbombte Heimatstadt, erlebte den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder und die Wiedervereinigung, zuvor auch die 600-Jahr-Feier Krefelds und die Philadelphiade, die im Jahr 1983 im Seidenweberhaus gefeiert wurde. „2002 ist mein Großvater gestorben und hatte in seinem Leben so viel Veränderung, im Guten wie im Schlechten, gesehen, dass es für mehrere Leben gereicht hätte”, sagte Frank Meyer. „Würde er heute auf Krefeld blicken, würde er vielleicht sagen: Mensch, hier hat sich alles geändert – aber trotzdem ist etwas geblieben. Nicht alles, aber genau dieses Etwas, müssen wir im Wirbel der Veränderung bewahren, denn es kann uns in jedem Umbruch die Richtschnur sein: Wie Krefeld in 100 oder 200 Jahren aussieht, kann niemand mit Sicherheit sagen, doch ich hoffe sehr, es wird dann immer noch unser Krefeld und das Krefeld meines Opas sein – der Ort, den auch künftige Generationen aus voller Überzeugung Heimat nennen.”

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas erinnerte in ihrer Festrede an die Entwicklung der Stadt zum bedeutenden Textilzentrum im 18. Jahrhundert. Unter preußischer Herrschaft reichte diese Stellung soweit, dass Friedrich der Große eine Soldaten-Werbeverbot für Krefeld bestimmte. „Diese Männer waren für die Textilwirtschaft unverzichtbar”, so Bas und fügte hinzu: „Die Frauen waren auch unverzichtbar. Ich wollte es nur mal erwähnen.” In ihrer Ansprache betonte sie auch den wirtschaftlichen Strukturwandel den Samt und Seide in den vergangenen Jahrzehnten erleben musste. Andere Bereiche wie Stahl, Bildung und Logistik hätten die traditionellen Säulen abgelöst. „Die Krefelder sind immer neugierig auf neue Wege”, betonte die Bundestagspräsidentin. Eine Stärke der Stadt lege in der Weltoffenheit und Toleranz der Bürgerschaft. Dazu zählt auch die besondere Beziehung zu den USA: Vor 340 Jahren wanderte die erste organisierte Gruppe aus Deutschland von Krefeld nach Nordamerika aus. „So haben sie eine frühe Brücke zwischen der alten und der neuen Welt geschlagen”, so Bas.

NRW-Kommunalministerin Ina Scharrenbach

Nachdem die Sinfoniker mit dem Allegro Vivace auch Schuberts fünfter Sinfonie erneut lebendige Töne angeschlagen hatten, schlug NRW-Kommunalministerin Ina Scharrenbach einen weiten Bogen von der europäischen bis auf die kommunale Ebene. Vor den vier großen Flaggen der EU, Deutschlands, Nordrhein-Westfalens und Krefelds betonte sie, man brauche heimatliche Wurzeln, um Neues aufbauen zu können. „Und Krefeld steht für das Neue, die Avantgarde und eine sehr starke Bürgerschaft”, so die Ministerin. Diese Prinzipien machten Krefeld mal zur „reichsten Stadt im deutschen Reich”. Mit einem Augenzwinkern meinte die Ministerin dann: „Herr Kämmerer, irgendwie werden wir da schon wieder hinkommen.”

Partnerstädte unter den Gratulanten

Zum Abschluss brachten die Sinfoniker mit Sopranistin Sophie Witte dann Gustav Mahlers „Das himmlische Leben” auf der Sinfonie Nr. 4 G-Dur zum Klingen. Zur Festgesellschaft gehörten an diesem Abend mehrere konsularische Vertreter, unter anderem Iryna Shum als Generalkonsulin der Ukraine, der französische Generalkonsul Etienne Sur und der argentinische Generalkonsul Nazareno Muñoz. Mit dem Venloer Bürgermeister Antoin Scholten, dem frisch gewählten Bürgermeister von Dünkirchen, Jean Bodart, und dem Landrat des Oder-Spree-Kreises, Frank Steffen, waren gleich drei Spitzenvertreter der Partnerstädte dabei. Auch aus Leicester und Charlotte nahmen Delegationen teil. Der ehemalige Oberbürgermeister und Krefelder Ehrenbürger Dieter Pützhofen war ebenso vor Ort Regierungspräsident Thomas Schürmann und die Direktorin des LVR, Ulrike Lubek. Aus Krefelds Nachbarschaft nahmen die Oberbürgermeister von Mönchengladbach, Felix Heinrichs, und Leverkusen, Uwe Richrath, an der Veranstaltung teil, außerdem weitere Bürgermeister und Landräte umliegender Kreise und Kommunen. Hinzu kamen zahlreiche Bundes- und Landtagsabgeordnete, Behördenleiter und hochrangige Wirtschafts- und Kirchenvertreter.

Chormusik in der Mediothek

Während auf dem festlich beleuchteten Theaterplatz Tango getanzt und Krefelder Gin probiert wurde, verlagerte sich der Festakt hinüber ins Stadttheater. Fünf Krefelder Gastronomen boten unter dem Motto „Brot verbindet die Welt” kulinarische Interpretationen der landestypischen Küche der Partnerstädte an. Als Getränke wurde Crémant von der Scheurebe gereicht, die einst vom Krefelder Georg Scheu gezüchtet wurde. Anschließend brachte die Compagnie des Stadttheaters die eigens für das Stadtjubiläum geschaffene Ballett-Uraufführung „Seide – Band – Bandoneon” auf die Bühne, ein weiterer künstlerischer Blick auf die Samt- und Seidengeschichte der Stadt sowie die Erfindung des Bandoneons, das von Krefeld aus seinen Siegeszug bis nach Argentinien antrat. Nach einem Zwischenspiel mit Chormusik in der Mediothek begab sich die Festgesellschaft zum Rathaus, um die aufwändige 3D-Illumination auf der Fassade zu bewundern – der leuchtende Abschluss eines unvergesslichen Abends.

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