Patientin Hildegard Nössler fand Hilfe beim Leiter des Wundzentrums, Prof. Dr. Alexander Kreuter, und Wundmanagerin Michaela Gebauer (Foto entstand vor der Corona-Pandemie) (Foto: Helios)

Oberhausen. Madentherapie hilft Patientin mit Wundheilungsstörung // Wundzentrum Oberhausen setzt antikes Verfahren in moderner Variante ein

Vor einigen Monaten wurde bei Hildegard Nössler ein Melanom diagnostiziert – Hautkrebs. „Das war ein Schock – aber es war mir zum Glück früh aufgefallen“, so Nössler. Dazu kam: Es handelte sich um den sogenannten weißen Hautkrebs – eine meist gut behandelbare Form, wie auch in Hildegard Nösslers Fall. „Nach der chirurgischen Entfernung verheilte alles zunächst sehr gut. Doch quasi über Nacht verschlimmerte sich meine Wunde wieder“, erinnert sich die 75-Jährige. Diverse Therapien zur Wundbehandlung und Schmerztherapie folgten – ohne Erfolg.

Hilfesuchend wandte sich die Patientin an das Wundzentrum der Helios St. Elisabeth Klinik Oberhausen. Das interdisziplinäre Team aus Dermatologen, Phlebologen, Gefäßchirurgien, Angiologen und Wundmanagern rund um Leiter Prof. Dr. Alexander Kreuter hat sich auf Problemwunden spezialisiert. „Frau Nössler leidet unter Pyoderma gangraenosum, einer seltenen Form der Gefäßentzündung. Das hat zu einem chronischen Unterschenkelgeschwür (Ulcus Cruris) geführt“, erklärt der Chefarzt der Dermatologie, Venerologie und Allergologie. „Aufgrund der ausgeprägten Wundheilungsstörung konnten wir also mit chirurgischen und medikamentösen Maßnahmen nicht viel erreichen – daher kamen unsere Micro-Chirurgen zum Einsatz.“

 

Natürliches Wundheilungsverfahren mit Maden

Die Madentherapie wird bei infizierten, chronischen und stark belegten Wunden eingesetzt. Das Besondere: „Die Tiere greifen kein gesundes Gewebe an, sondern lösen nur abgestorbene Gewebereste auf“, erklärt Wundmanagerin Michaela Gebauer. „Zusätzlich wirkt der abgesonderte Speichel entzündungshemmend.“ Denn beim Verdauungsprozess der Made entstehen Enzyme mit bakterizider Wirkung. „Die können sogar multiresistente Keime eliminieren“, betont Chefarzt Prof. Kreuter die Vorteile der natürlichen Wundheilungsförderung. „Trotzdem war ich zunächst überhaupt nicht begeistert von der Idee. Denn ich habe wahnsinnige Angst vor Krabbeltieren“, gesteht Nössler. „Aber das Team im Wundzentrum ist auf alle meine Ängste eingegangen. Das hat mir Mut gemacht.“ So konnte schon kurze Zeit später die Therapie beginnen.

 

Antikes Verfahren in moderner Variante

„Die Wundbehandlung mit Maden ist eigentlich ein antikes Verfahren“, erklärt Kreuter. „Es gibt Berichte, dass schon Soldaten Napoleons die Methode einsetzten und auch heute nutzen noch einige Kulturen die Vorteile der Tiere.“ Als gezielte Therapieform der Dermatologie findet die Methode hauptsächlich in abgepackter Form Anwendung. Je nach Wundgröße werden dafür bis zu 300 Maden als steriles, kleines Päckchen (Bio-Bag) direkt auf die Wunde gelegt und mit einem luftdurchlässigen Verband fixiert. Fünf Tage lang verweilten die Maden so auch auf Hildegard Nösslers Bein. „Ich hatte richtige Hitzewellen vor Ekel und natürlich tat der Heilungsprozess auch mal weh – aber ich habe versucht mich auf den positiven Effekt zu konzentrieren“, erinnert sich die Rentnerin und schmunzelt: „Aktuell bin ich erstmal froh, dass ich das überstanden habe. Aber die Maden haben anscheinend einen guten Job gemacht. Die Wunde heilt. Und ich bin der lebende Beweis: Mit der richtigen Unterstützung kann man sogar seine Phobie überwinden.“

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