Gestalteten die Übergabe des Projekts von der St. Augustinus Gruppe zu den Malteser Werken (v.l.n.r.): Sozialbetreuer Haroon Samad, Lehrerin Constanze Hütten, Projektleiterin Andrea Kuckert-Wörstenheinrich, Sozialberaterin Andrea Santamaria, Lehrer Bernhard Zunkel, der Gesamtgeschäftsführer der St. Augustinus Gruppe, Paul Neuhäuser, und Lehrerin Anne Stolz-Mennekes (Foto: © St. Augustinus Gruppe)

Neuss. St. Augustinus Gruppe übergibt Projekt für geflüchtete Familien an Malteser Werke

Wenn Familien vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland fliehen, haben sie meist nicht nur viele traumatisierende Monate der Flucht hinter sich, sondern oft auch nur wenige konkrete Vorstellungen vom Leben in der neuen Heimat. Wie funktioniert hier die Schule? Warum gibt es regelmäßige ärztliche Untersuchungen? Wie gelingt die Erziehung von Mädchen und Jungen?
Diesen und vielen weiteren Fragen stellte sich das internationale Projekt IENE-8 der Europäischen Union. Neben Partnern aus Griechenland, England oder Italien war es die Neusser St. Augustinus Gruppe, die für Deutschland anderthalb Jahre an einem umfassenden Lehrplan mitarbeitete. Zentrale Aufgabe war es, Antworten auf eine komplexe Frage zu finden: Was braucht es, um geflüchtete Eltern in ihrer Erziehung zu befähigen? „Es war uns von Anfang an wichtig, geflüchtete Familien zu stärken in ihren Erziehungskompetenzen. Vieles bringen sie mit, vieles können sie aber nicht wissen“, beschreibt Dr. Andrea Kuckert-Wöstheinrich, Leiterin des Projekts bei der St. Augustinus Gruppe, die Herausforderung. Denn die Eltern bringen ja auch ganz konkrete Einstellungen und Erfahrungen mit.

„Was ist an Wissen da, was muss vermittelt werden, damit Eltern sich hier in Deutschland als Erziehende zurechtfinden?“ 20 erarbeitete Module beantworten nun diese und viele weitere Fragen. Zur Jahresmitte sind diese Module nicht nur auf der Homepage des Projekts IENE-8 zu finden und kostenlos in sieben Sprachen herunterladbar, sondern sie werden auch ganz konkret angewendet. In Neuss übernehmen diese Aufgabe die Malteser Werke. Testweise fanden bereits erste Workshops mit geflüchteten Eltern statt, geleitet von den Lehrerinnen Anne Stolz-Mennekes und Constanze Hütten: „Es ging um Themen wie das Stillen und die Ernährung von Säuglingen oder darum, wie eine Bindung zu Baby aufgebaut werden kann“, erzählt Stolz-Mennekes. „Aber wir wollen auch Brücken bauen zur Kultur in Deutschland, zum Verständnis von Pünktlichkeit und Tagesrhythmus – das muss für die Zukunft der Kinder eingeübt werden.“ Die Informationen wurden übersetzt und auf ein entsprechendes Niveau heruntergebrochen, so dass jeder alles verstehen konnte. „Die einzelnen Module waren einfach gehalten, aber inhaltlich deutlich“, betont Stolz-Mennekes.

Ihre Teilnehmer erlebten die beiden Lehrerinnen in der Schulungswoche Ende Juni als „sehr wissbegierig, aufmerksam und dankbar.“ Besonders freut Constanze Hütten, dass die Informationen bereits im Alltag umgesetzt wurden: „Die Eltern haben ja große Verantwortung, eine starke Vorbildfunktion und Pflichten. Es ist ganz wichtig, wie sie mit Frust umgehen, dass sie eine Struktur vorgeben und sie die Kinder beispielsweise rechtzeitig zu Bett schicken und wecken oder auch für das Frühstück in der Schule sorgen.“

Dass sich die St. Augustinus Gruppe als Anbieterin von Gesundheits- und Sozialdienstleistungen um die Schulung geflüchteter Eltern kümmert, kommt nicht von ungefähr: Bereits 2015 – zum Höhepunkt der Zuwanderung aus Krisenregionen – stellten die Neusser Augustinerinnen zwei Einrichtungen für die Unterbringung Geflüchteter bereit, erinnert Paul Neuhäuser, Gesamtgeschäftsführer der St. Augustinus Gruppe. Zwei Jahre später wurden bei einem Projekt des Bundesgesundheitsministeriums erfolgreich Geflüchtete zu Demenzbegleitern ausgebildet. Nicht wenige fanden anschließend Jobs in der Seniorenhilfe. „Wir brauchen die Menschen und müssen etwas tun, damit sie hier Fuß fassen und gut ankommen in unserer Gesellschaft. Wir brauchen ein Verständnis füreinander und müssen miteinander zurechtkommen“, betont Neuhäuser. Und mit Blick auf Patienten aus den verschiedensten Ländern ist Neuhäuser noch etwas wichtig: „Auch wir lernen ja dazu, beispielsweise bei der Versorgung von Erkrankten mit Migrationshintergrund: Das Wissen voneinander ist ganz wertvoll.“

„Es lohnt, sich auf Augenhöhe zu begegnen, voneinander zu lernen und in diese Arbeit zu investieren“, ist auch Kuckert-Wöstheinrich überzeugt. Gemeinsam mit Paul Neuhäuser zeigte sie sich sehr froh, dass das Projekt für geflüchtete Familien nun unter Leitung der Malteser Werke weitergeht. „Ich möchte eine weitere Zusammenarbeit ausdrücklich anbieten“, beschloss Paul Neuhäuser den Übergabetermin.

Info-Kasten

Das internationale Projekt IENE-8 entwickelte über das Programm ERASMUS+ ein Curriculum für Angehörige der Gesundheitsberufe und Freiwillige, die ein besseres Bewusstsein für die Lage gerade geflüchteter Familien bekommen wollen.

Mit verschiedenen Methoden, die auch in Neuss mitentwickelt wurden, erwerben die Teilnehmenden Wissen und Kompetenzen in Bezug auf die Versorgung und Schulung geflüchteter Eltern. Neben Deutschland sind als Partner auch Griechenland, Italien, Zypern, Rumänien und England beteiligt.

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