Elisabeth Granzen genießt noch gerne das schöne Wetter (Foto: Familie Granzen)
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Rheinberg. Erst im September feierte die bis dato älteste Bürgerin der Stadt Rheinberg, Hildegard Marquardt, ihren 108. Geburtstag. Doch schon drei Tage danach, trat Hildegard Marquardt ihre letzte große Reise an und verstarb leider.

Somit hat die Stadt Rheinberg jetzt eine neue älteste Bürgerin. Elisabeth Granzen „feierte“ in dieser Woche ihren 102. Geburtstag im Alten- und Pflegeheim Am Kattewall, das seit dem Jahr 2014 ihre neue Heimat ist. Doch wer ist Frau Granzen? Was hat sie alles erlebt in 102 Jahren? Da die Jubilarin aus gesundheitlichen Gründen keine allzu großen Aufgaben mehr meistern kann, skizzierte ihr einziger Sohn Heinz Hermann Granzen das Leben seiner lieben Mutter.

Geboren wurde Elisabeth Granzen mit dem Nachnamen Komp, im Jahr 1919 in Lübeck, wo ihre Eltern mit dem Bruder Willi in den Wirren des 1. Weltkrieges für einige Zeit Unterschlupf gefunden hatten.  Ein Jahr nach Kriegsende wollte die Ursprungsfamilie der kleinen Elisabeth wieder nach Hause an den schönen Niederrhein – konkret nach Moers. Dort wuchs Elisabeth auf. Im Jahr 1929 bekam Elisabeth dann weibliche „Verstärkung“ durch ihre kleine, neugeborene Schwester Hildegard. In der Hitlerzeit mussten damals auch Frauen einen einjährigen Pflichtdienst erfüllen. Für Elisabeth Komp war schnell klar, wo sie diesen ableisten wollte: Als Hilfs-Krankenschwester im Krankenhaus Bethanien in Moers. Oft hat die Mutter von Heinz Hermann Granzen von dieser Zeit erzählt und sie als „die schönste Zeit ihres Lebens“ bezeichnet. Zusammen mit einigen Freundinnen, die sie im Krankenhaus kennenlernte, haben die Mödchen ihre freie Zeit genossen und viele schöne Erinnerungen gesammelt.

Im Jahr 1933 zog die Familie von Moers nach Repelen. Dort nahm Elisabeth im Jahr 1939 eine Arbeit als Briefzustellerin auf. Die Überbringung der Post dauerte damals noch sehr lange, weil es noch keine entsprechende Infrastruktur gab. Als sehr belastend beschrieb Elisabeth die Zustellung von ganz bestimmten Briefen. Dies waren Nachrichten vom Kriegsministerium, wenn man Angehörigen mitteilen musste, dass liebe Familienmitglieder verstorben oder verschollen waren. Schon am schwarzen Rand des Umschlags konnte man sehen, dass es keine guten Nachrichten waren, die man überbringen musste. Schon von Weitem sahen die Angehörigen diese Umschläge und wussten direkt, dass das Schlimmste was sie sich vorstellen konnten geschehen war und brachen weinend über den großen Verlust zusammen. Elisabeth Komp ist eine sehr empathische Frau und die Überbringung dieser schrecklichen Nachrichten war für sie immer schwer. Die junge Frau trauerte jedes Mal regelrecht mit und hoffte, dass nicht auch sie selber irgendwann eine entsprechende Nachricht bekam. Denn kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges im Jahr 1935 hatte sie ihren späteren Mann, den drei Jahre älteren Hermann, kennen und lieben gelernt. Doch natürlich wurde auch er eingezogen und musste im Krieg das Land verteidigen. Genauso wie Elisabeth´s ältere Bruder Willi.

Während eines Heimaturlaubs heirateten Elisabeth und Hermann im Jahr 1942, bevor dieser wieder zurück an die Front musste. Elisabeth, die nun wie ihr Mann Granzen hieß, war es eine sorgenvolle Zeit, in der sie immer hoffte, ihren Mann und ihren Bruder bald wiederzusehen. Ihr Bruder Willi fiel leider im Krieg und diese Trauer überschattete diese schwere Zeit. Aber zumindest Ehemann Hermann konnte sie zum Glück eines Tages wieder in die Arme schließen: Nach dem Ende des Krieges kehrte er mit einer schweren Kriegsverletzung aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Elisabeth war überglücklich, dass er noch lebte und dass sie IHREN Hermann wiederbekam. Sie pflegte und versorgte ihn liebevoll und nach einiger Zeit war die Gesundheit dann wieder so hergestellt, dass er eine Arbeit bei der Zeche Padtberg aufnehmen konnte.

Im Jahr 1946 kam der einzige Sohn der Eheleute Granzen, Heinz Hermann, zur Welt und machte das Familienglück perfekt. Die ganz schweren Jahre waren vorbei und man konnte endlich anfangen, auch wieder schöne Dinge zu genießen. Familie Granzen liebte es, innerhalb Deutschlands mit dem Wohnwagen zu verreisen, der auch einen festen Stellplatz auf dem Campingplatz „Bislicher Insel“ hatte. Aber am liebsten fuhren sie an die See. Die Insel Husum war ein häufiges Reiseziel.  Die Wochenenden verbrachte die Familie gerne im Wohnwagen auf der „Bislicher Insel“.

Gemeinsam waren die Eheleute Granzen in einem Kegelclub. Elisabeth bereicherte den evangelischen Kirchenchor in Repelen und singt bis heute noch immer sehr gerne. Früher machte sie auch gerne Gymnastik und wenn´s ums Handarbeiten ging, war sie ganz weit vorne und häkelte was das Zeug hält. Die gehäkelten Wandbilder waren immer ihr ganzer Stolz. Zusammen mit der evangelischen Frauenhilfe und Pfarrer Heinz-Jürgen Wagener aus Repelen, fuhr Frau Granzen einmal jährlich in den Urlaub. Pfarrer Wagener hat ihr jedes Jahr zum Geburtstag gratuliert – sogar noch, als Elisabeth Granzen nach Rheinberg gezogen war. Das hat ihr viel bedeutet. Auch an Aktivitäten des Sozialverbands VdK, Ortsgruppe Moers-Repelen nahm sie rege teil. Ganz besonders positiv ist ihr die ehemalige Ortsverbandsvorsitzende Christel Apostel in Erinnerung geblieben, die sich immer sehr engagiert hat. Mit ihr und anderen Frauen aus dieser Gruppe fuhr Elisabeth ebenfalls einmal jährlich in den Urlaub.

Im Jahre 1984 verstarb Ehemann Hermann leider viel zu früh im Alter von nur 67 Jahren. Sohn Heinz Hermann beschrieb die Ehe seiner Eltern sehr eindrucksvoll: „Noch nie habe ich ein so glückliches Paar gesehen! Unsere Familie hatte einfach immer Glück.“ Mittlerweile hatte er selber eine Familie mit den Kindern Thorsten und Nicole gegründet, die dann auch irgendwann „flügge“ wurden. Als die Tochter Nicole, die mittlerweile nach Rheinberg gezogen war, sich im Jahr 2004 ein Kind wünschte, zog er mit seiner Frau und seiner Mutter nach Rheinberg. Er wollte bei der Betreuung des kleinen Familienzuwachses mithelfen und sich gleichzeitig um seine Mutter kümmern. Ein Spagat, den Heinz Hermann toll gemeistert hat. Zu den beiden Enkeln Thorsten und Nicole von Elisabeth Granzen kamen im Laufe der Jahre dann auch noch die drei Urenkel Julia, Marvin und Robin hinzu.  Eine wahrlich große Familie.

In Rheinberg bekam Elisabeth Granzen schnell Kontakte durch die Caritas und den Vdk und lebte sich gut ein. Leider brach im Jahr 2014 bei Elisabeth Granzen eine schwere Krankheit aus, sodass eine Versorgung durch den Sohn und die Schwiegertochter zuhause leider nicht mehr möglich war. Daraufhin zog Elisabeth Granzen in das Alten- und Pflegeheim Am Kattewall und erfährt seitdem von ihren festen Pflege-Bezugspersonen dort eine liebevolle und kompetente Betreuung.

Da aufgrund des aktuellen Gesundheitszustandes eine große Geburtstagsfeier leider nicht mehr möglich ist, verbrachte die Jubilarin und nun älteste Bürgerin Rheinbergs den besonderen Geburtstag ganz ruhig im Kreise ihrer Lieben. Karin Winkel, die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Rheinberg, und die Ortsvorsteherin von Rheinberg-Mitte, Franziska Bröcking, ließen es sich aber nicht nehmen, persönlich die Glückwünsche von Rat und Verwaltung zu überbringen und wünschten für die Zukunft von Herzen alles Gute!

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