Märkischer Kreis/Hattingen-Ruhr/Essen/Mülheim an der Ruhr. Ein Jahr nach der Katastrophe sieht man im Bistum Essen: Caritas-Spendengelder fließen, nachdem Versicherungen und Staat gezahlt haben, was nicht immer vorausgesetzt werden kann. Problem: Bausachverständige und Handwerker sind Mangelware. Bis jetzt haben die vier betroffenen Caritasverbände Altena-Lüdenscheid, Ennepe-Ruhr, Essen und Mülheim rund 650.000 Euro an Spendenmitteln für die Fluthilfe eingesetzt.

Das Hochwasser am 14. Juli 2021 hat unvorstellbares Leid bei vielen Betroffenen angerichtet. Menschen wurden ihrer Wohnung, manche ihrer Existenz beraubt. In der Flutnacht mussten sich Familien mit kleinen Kindern aufs Dach retten, andere wurden von der Feuerwehr aus dem Fenster im Obergeschoss geborgen. Sie alle fanden am nächsten Tag ihre Privatsphäre schwer verwüstet vor. Viele Menschen sind bis heute traumatisiert.

Die Caritas hat sich direkt am Tag nach der Katastrophe um die Menschen gekümmert und nach Kräften versucht zu helfen. Im Bistum Essen hat es vor allem den Märkischen Kreis getroffen: Altena, Werdohl, Nachrodt, Lüdenscheid, Halver, Kierspe, Schalksmühle und Rummenohl sowie Teile von Hagen. Nach einer Übersicht des NRW-Heimatministeriums wurden (Stand Dezember 2021) im Märkischen Kreis 164 Anträge auf Wiederaufbauhilfen an das Land NRW gestellt. In Hattingen hat es die Bewohnerinnen und Bewohner eines Campingplatzes, direkt an der Ruhr gelegen, getroffen. In der Kommune Hattingen wurden 62 NRW-Wiederaufbauhilfe-Anträge gestellt. Außerdem wurden einige Straßenzüge in Essen (62 Anträge) und Mülheim (8 Anträge) überschwemmt.

Manche Häuser am Hang werden nun bei jedem Starkregen überschwemmt

Gerade Menschen, die nicht sozial abgesichert sind, und andere, die aufgrund der vermeintlich hochwassersicheren Lage ihrer Wohnungen keine Elementarversicherung abgeschlossen hatten, müssen nun mit den Folgen leben. Traumatisierungen – insbesondere bei Kindern – werden auch in den folgenden Jahren zu bearbeiten sein. Bei älteren Menschen sind angesichts der Zerstörung Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg und alte Traumata hochgekommen. Familien, die an einem Hang in Altena oder andernorts im Märkischen Kreis wohnen, wurden durch Flutwasser überrascht, das von oben aus den Bächen kam und Hänge zu lebensgefährlichen Orten gemacht hat. – Versicherung? Fehlanzeige! Denn die Lage des Hauses ließ nicht an eine Hochwassergefährdung denken. Manche Anwohner haben bis heute damit zu kämpfen, dass die Bäche am Hang in der Flutnacht ihr Bett verlassen haben und bei stärkeren Regenfällen nun ehemals sichere Häuser wieder und wieder fluten.

So unterschiedlich die Regionen betroffen sind, so divers sind auch die Probleme, mit denen die Betroffenen zu kämpfen haben. Viele hatten es zuvor gerade geschafft, ihre eigenen vier Wände über Kredit zu finanzieren und stehen nun vor den Trümmern ihrer wirtschaftlichen Existenz. Die Bewohner eines Campingplatzes in Hattingen, die mit ihrem Dauerwohnsitz geduldet waren, dürfen wegen der fehlenden Baugenehmigungen nicht auf die NRW-Aufbauhilfe hoffen. Jeder Fall ist anders, das bestätigen auch die Beraterinnen und Berater vor Ort. In der ersten Phase nach der Flut hat die Caritas über ihre schnell aktivierten Kolleginnen und Kollegen Soforthilfen ausgezahlt, die den Betroffenen in der akuten Not Unterkunft und die nötigste Versorgung gewährleistet haben.

Problem der Caritas: Hohe Spendensummen, aber erst müssen Versicherungen und Staat zahlen

In einer zweiten Phase konnte die Caritas aus Spendenmitteln von Caritas international und anderen Organisationen, wie der Brost-Stiftung, Firmen und lokalen Spendenbündnissen Haushaltsbeihilfen leisten, damit Betroffene zunächst ihre zerstörten Häuser mit den notwendigsten Möbeln, Küchengeräten und Waschmaschinen ausstatten konnten. Trotzdem geht es vielen Betroffenen zu langsam. Wer Geld vom Staat in Anspruch nehmen kann, braucht dennoch zunächst einen Bausachverständigen und dann einen Handwerker – und die Handwerksbetriebe im weiteren Umkreis sind mehr als ausgelastet mit Aufträgen. Und so sind die beratenden Caritas-Kolleginnen und -Kollegen oft Seelsorger und offenes Ohr für die Sorgen der Menschen. „Die Betroffenen des Hochwassers haben teils von heute auf morgen ihr ganzes Hab und Gut verloren und standen vor den Trümmern ihrer Existenz. Unseren Kolleginnen und Kollegen in den Beratungsdiensten der Caritas war es neben der schnellen und unbürokratischen Hilfe daher vor allem wichtig, sich Zeit zu nehmen und den Menschen zuzuhören“, sagt Stefan Hesse, Caritasdirektor in Altena und Lüdenscheid, stellvertretend für seine Kollegen in Essen und Mülheim.

Caritas-Akteure: Zwischen professioneller Beratung und persönlicher Empathie

Auch die Caritas-Akteure haben ein schweres Jahr hinter sich, hatten vielleicht daheim oder im privaten Umfeld selbst Hochwasser-Probleme und mussten sich trotz aller Professionalität immer wieder mit Schicksalen auseinandersetzen, die dicht an den Grenzen des Aushaltbaren lagen. „Die Fluthelferinnen und -helfer haben sich viel Zeit genommen, um den Menschen beizustehen. Das hieß nicht selten, lange zuzuhören, zu trösten, praktische Hilfen wie zum Beispiel Bautrockner und einen Termin mit dem Bausachverständigen zu organisieren und viele Geschichten auszuhalten, |die ans Herz gehen“, sagt Hesse und dankt seinen Mitarbeitenden für die geleistete Hilfe. „Ohne ihren großartigen Einsatz, der weit über das übliche Maß hinausging, würde es den Menschen heute schlechter gehen“, so Hesse. Insgesamt hat die Caritas Altena 200.000 Euro an Spendenmitteln verausgabt für Sozialarbeit und Beratung, für Sachhilfen und kurzfristige Erholungsmaßnahmen für die Betroffenen. Über 500 Stunden in der offenen Beratung haben die Mitarbeitenden geleistet. In Ennepe-Ruhr (Hattingen) waren es rund 282.000 Euro, in Essen 172.000 Euro in Mülheim ca. 23.000 Euro.

Vor allem mit der Beratung der Menschen bei der Beantragung von Hochwasserhilfen des Landes NRW haben die Mitglieder der Caritas-Teams unzählige Stunden verbracht. Für die Caritas gibt es ein Dilemma: Es gibt hohe Spendensummen, die allerdings noch nicht an die Menschen ausgegeben wurden, weil die Spenden der Bevölkerung sonst Versicherungen und den Staat aus der Verantwortung entlassen hätten. Zunächst müssen also diese Gelder fließen. Die Caritas-Spenden werden ausgezahlt, um den Betroffenen bei der Deckung der Eigenanteile zu helfen. Die Caritas erwartet, dass in den kommenden vier Jahren der größte Teil der bereits eingegangenen Spenden in Anspruch genommen wird. Das zeigen auch die Erfahrungen aus den Fluthilfen der vergangenen Jahre, zum Beispiel bei dem Oder-Hochwasser im Jahr 2010. Bislang sind überwiegend Zuwendungen bis ca. 5000 Euro ausgezahlt worden, um Haushaltsgegenstände zu beschaffen, und Hilfen für besondere Härtefälle.

Neu für die Caritas – einen Bausachverständigen zu vermitteln

Ein großes Problem angesichts der möglichen Hilfen vor Ort ist, dass man eine reelle Einschätzung der Baukosten benötigt, bevor man Anträge auf Finanzhilfen stellen kann. Die Caritas in Altena-Lüdenscheid hat zum Glück einen Bauingenieur gewinnen können, der die Baustellen nach und nach bewertet. Seine Begutachtung hilft den Betroffenen, Anträge zu den Sanierungsarbeiten stellen zu können. Denn nach wie vor sind viele Häuser nur sehr eingeschränkt bewohnbar. Insgesamt 40 Begutachtungen sind bislang erfolgt.

Für die Caritas-Mitarbeitenden war oft schwer auszuhalten, einerseits viele Spendengelder und eine hohe Solidarität der Spendengeber zu registrieren, andererseits nichts direkt an die Menschen ausschütten zu können. „Wer direkt mit den Hochwasser-Betroffenen arbeitet, hat in der Regel den Reflex, schnell Hilfe organisieren zu wollen. Die Nachrangigkeit der Spendengelder nach Zahlung der Versicherungen und des Staates ist mehr als sinnvoll, aber leider zeitraubend. Das hat für Unmut bei den Flutgeschädigten gesorgt und die beratenden Caritas-Fachkräfte zusätzlich belastet – waren sie es doch, die den verzweifelten Menschen im Gespräch solche ernüchternden Nachrichten überbringen mussten“, sagt Stefan Hesse.

Um Not zu lindern, konnten einige kreative Projekte entwickelt werden: So wurde zum Beispiel das „Tiny House“, eine neue Mini-Immobilie auf dem Campingplatz in Hattingen, in der Beratung und Begegnung stattfinden, errichtet. Im Apollo Kino in Altena hat die Caritas Sozialberatung angeboten, dank der bestens vernetzten Kino-Betreiberin, die Menschen mit Hilfebedarf in der Nachbarschaft ermuntert, mal im Kino vorbeizuschauen. Ein Kindercafé hat die Caritas Altena für kleine Menschen eröffnet, die vielleicht einfach nur spielen wollen oder aber Fragen haben, die sie ihren überlasteten Eltern nicht stellen wollen. Die Caritas in Essen realisiert ein Schulferienprojekt für Kinder aus flutgeschädigten Familien – lauter Angebote, die den Menschen vor Ort helfen, Gesprächspartner zu finden und eine freie Zeit außerhalb der akuten Sorgen zu erleben: Ein Jahr danach.

 

Weitere Infos zur Fluthilfe der Caritas im Bistum Essen finden Sie auf der Website https://www.caritas-essen.de/fluthilfe-im-bistum-essen/

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